Chéreau in München

Der Wagner-Revolutionär

Patrice Chéreau Foto: Anne Kirchbach

Partrice Chéreau und Waltraud Meier proben derzeit in München eine szenische Version von Wagners Wesendonck-Liedern. In einem öffentlichen Gespräch der Bayerischen Akademie der Schönen Künste waren beide zu Gast.
(München, 10. Mai 2010) Für eine lebende Legende ist Partrice Chéreau noch erstaunlich frisch. Kaum zu glauben, dass dieser schlanke Herr mittleren Alters vor fast 35 Jahren die Opernwelt revolutionierte, zumindest die Welt der Wagner-Opern. Damals brachte der bis dato lediglich als Film- und Theaterregisseur bekannte Chéreau seinen Bayreuther "Ring" heraus, der denn auch gleich passenderweise den Titel "Jahrhundertring" erhielt – weil es hundert Jahre her war, dass das Werk in Bayreuth seine Uraufführung erlebt hatte.

Für eine der wichtigsten Wagner-Sängerinnen der letzten 20 Jahre, Waltraud Meier, war der Besuch dieses "Rings" eine Art Initiation. Dadurch, bekannte die Sängerin im Podiumsgespräch der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, seien ihr erstmals die menschlichen Konflikte in dem Mythos vom "Ring des Nibelungen" klar geworden.
Zusammen mit Chéreau erarbeitet Meier gerade eine szenische Version von Wagners Liederzyklus "Wesendonck-Lieder", die im Louvre in Paris aufgeführt werden soll. Das Museum war an Chéreau mit dem Vorschlag herangetreten, ein Stück für die Räume des Louvre zu inszenieren. Chéreau und Waltraud Meier arbeiteten auch beim Mailänder "Tristan" zusammen, dessen Schlussszene bei der Veranstaltung der Akademie ebenso auf Video gezeigt wurde wie die berühmte erste "Rheingold"-Szene im Stauwehr und der Beginn der "Cosi" aus Aix-en-Provence.

Interessant, wie Chéreau die damals so viel diskutierte Stauwehrszene des "Rheingold" sieht. Eben nicht als Symbol für irgendetwas, sondern vor allem als wirkungsmächtige Verbildlichung der Kraft des Wassers. Leider wollte sich der einladende Präsident der Akademie Dieter Borchmeyer auf eine spannende Diskussion über den Unterschied zwischen Symbol (von Chéreau abgelehnt) und Allegorie (von Chéreau akzeptiert) nicht einlassen – und das, obwohl Borchmeyer doch nicht nur Theaterwissenschaftler, sondern auch Germanist ist…
Während Borchmeyer gestand, die "Rheingold"-Einleitung früher abgelehnt zu haben, sie aber heute für ganz ausgezeichnet zu halten, gab Chéreau unumwunden zu, dass er die Szene heute nicht mehr gut finde, er sie ganz anders inszenieren würde, nicht so frontal zum Zuschauer hin ausgerichtet. Bezeichnend auch, dass ein Zuschauer damals in Bayreuth zu Chéreau meinte, es sei zuviel Theater in seiner Regie, da könne man der Musik doch gar nicht mehr richtig zuhören. Die 70er Jahre scheinen in der Oper doch noch eine Art Steinzeit gewesen zu sein.

Und sonst? Im Gegensatz zu den etwas allgemeinen Lobes-Hymnen von Borchmeyer auf den großen Chéreau, brachte Waltraud Meier dessen Regie-Qualitäten auf einen Satz: "Bei ihm wird aus dem Spielen ein Sein."

Robert Jungwirth



Münchner Philharmoniker


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