Chailly Gewandhaus

Konzertkritik: Gewandhausorchester

Revolution und Choral

Riccardo Chailly Foto: Decca / Mat Hennek

Riccardo Chailly und das Leipziger Gewandhausorchester zu Gast im Wiener Musikverein – und in allen Regionen und Registern des Symphonischen zu Hause
Von Derek Weber
(Wien, 19., 20. und 21. Oktober) Wien ist die Stadt, wo die Orchester aus aller Welt Station machen müssen. Aber nicht alle Residenzen verlaufen so rund und fulminant wie jene des Gewandhausorchesters aus Leipzig vor wenigen Tagen. Drei Abende lang sorgten die Konzerte für ein Feuerwerk an Klangkultur, mit Programmen, die man im besten und positiven Sinn als traditionell, aber dennoch nicht unmodern bezeichnen kann. Routinierte Langweile kam dabei jedenfalls nicht auf. Ohrenspitzen war angesagt. Bei Johann Sebastian Bachs Ouverture in D-Dur BWV 1069 ebenso wie bei Anton Bruckners Siebenter und Felix Mendelssohn-Bartholdys „Reformationssymphonie", bis hin zu Dmitrij Schostakowitsch´ Zwölfter (jener über "Das Jahr 1917"). 
War es ein dramaturgischer Kunstgriff, die Werke von Mendelssohn und Schostakowitsch nebeneinander zu stellen? War es Zufall? Sie passen jedenfalls erstaunlich gut zueinander: Beide haben gewichtige Jubiläen zum Anlaß. Und in beiden gibt es daher solemne Zitate bzw. Erfindungen. Bei Mendelssohn das aus Wagners "Parsifal" bekannte "Dresdner Amen" und der alte protestantische Choral "Ein feste Burg ist unser Gott", bei Schostakowitsch Anklänge an die plastische revolutionäre Rhetorik der Elften Symphonie und an russische Revolutionslieder.
Als Solist trat Nikolaj Snaider gleich zweimal an die Seite des Orchesters: bei Beethovens blitzsauber intoniertem und gertenschlank gespieltem Violinkonzert und bei Mendelssohns e-moll-Konzert. Beide Male gab es Zugaben aus Johann Sebastian Bachs Solo-Repertoire.
Das Orchester selbst zählt sicherlich zu den besten europäischen, ein Verdienst, das man durchaus auf Chaillys Konto verbuchen kann: Das Gewandhausorchester ist – wie die meisten anderen großen europäischen Orchester auch – in den letzten Jahren stark verjüngt worden. Und es weiß sich bei allen Arten von Musik, von Chaillys kontrollierter Emotion geführt, glänzend zu präsentieren, tritt in verschieden großen Formationen auf (bei Bach ganz klein und sogar mit Cembalo-Begleitung). Es beeindruckt durch die Farbigkeit der Holzbläser und das akkurate Blech, ein Vorzug, der insbesondere bei Bruckner zum Tragen kam. Dabei bleibt das Klangbild stets transparent, ohne trocken und niedergezähmt zu wirken. Immer ist ein Anflug von Weichheit zu spüren, auch bei den Streichern. Und auch bei Bach.
Die Schlagwerker-Sektion hatte bei Schostakowitsch´ Revolutionsmusik Gelegenheit, sich im präzisestem Licht zu zeigen. Und bei Bach durfte der Mann an den kleinen Pauken zeigen, dass er genauso informiert über die historische Aufführungspraxis ist wie die Geiger. Zugleich fungierte er als ruhender Pol in einem Umfeld, das noch ein wenig nach dem rechten Puls zu suchen schien.
Chailly verstand es, auch Mendelssohns Musik eine dramatische Farbe zu geben. Schon in der "Hebriden"-Ouvertüre gischte und brauste es gewaltig; und bei der selten gespielten Fünften, eben der Reformations-Symphonie, war die Dynamik ebenso fein abgestimmt wie bei Bruckner, dessen Siebente immer die Lautstärke und Blockbildung in ein Ebenmaß band, zu dem Bruckner-Interpreten nicht immer finden.

Von Derek Weber

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