Chailly Baden-Baden

Lust und Verstand

Riccardo Chailly und Daniil Trifonov Foto: manolo press

Der Scala-Chef Riccardo Chailly dirigiert zur Saisoneröffnung im Festspielhaus Baden-Baden die Filarmonica della Scala mit einem Schumann-Programm, Daniil Trifonov spielt das Klavierkonzert
Von Georg Rudiger
(Baden-Baden, 30. September 2016) Die Italiener entdecken Robert Schumann. Nachdem vor ein paar Jahren Antonio Pappano mit seiner römischen Accademia Nazionale di Santa Cecilia mit einem reinen Schumann-Programm auf Europatournee war, widmete sich nun auch Riccardo Chailly mit der Filarmonica della Scala dem Komponisten. Als Dirigent des Leipziger Gewandhausorchesters hat er bereits eine Gesamtaufnahme der vier Symphonien vorgelegt. Zur Saisoneröffnung im Festspielhaus Baden-Baden zeigt Chailly lichte, durchsichtige Interpretationen, die immer wieder mit italienischem Temperament befeuert werden.
Mit Daniil Trifonov sitzt für das Klavierkonzert zudem einer der interessantesten Pianisten der Gegenwart am Flügel, dessen große internationale Karriere im Festspielhaus seit seinem ersten Auftritt 2011 zu verfolgen war. In dieser Saison kehrt er noch zweimal als Solist (21.7.) und Kammermusikpartner (5.6.) zurück. Trifonovs Klavierspiel ist spektakulär einfach. Seine Arpeggien sind bis ins Detail ausmodelliert, jeder melodischen Linie verleiht er eine sprechende Phrasierung. Die dynamischen Abstufungen beglücken. Leider hat Trifonov mit dem Orchester der Mailänder Scala keinen Dialogpartner auf Augenhöhe. Dies wäre aber besonders wichtig für Schumanns Klavierkonzert, in dem die Solistenpartie ganz eng mit der Orchesterpartitur verwoben ist. Schon zu Beginn wackelt das sehnsüchtige Thema in der Oboe, um erst bei der Wiederholung durch den russischen Pianisten veredelt zu werden. Die Balance in den Holzbläsern ist insgesamt unausgewogen. Vor allem die erste Klarinette drängt sich immer wieder mit sprödem Klang in den Vordergrund.
Trifonov gestaltet jedes Detail. Er kann sich auch mal über die Vorgaben des Komponisten hinwegsetzen, wenn er wie im Intermezzo das schüchterne Anfangsmotiv erst im Legato und danach im Staccato spielt. Seine Differenzierungen sind jedoch kein eitler Selbstzweck, sondern aus der Werkstruktur heraus entwickelt. Hier spürt man den Komponisten in ihm. Das Rondo hat genau die Verrücktheit, die es braucht. Die ständigen Wechsel zwischen Ausbruch und Zurücknahme, zwischen Spannen und Loslassen – Trifonov zelebriert sie mit Lust und Verstand. Da fällt es auch nicht ins Gewicht, dass der immer wiederkehrende fanfarenhafte Auftakt im Klavier und im Tutti ein wenig ausfranst. Die heiklen rhythmischen Verschiebungen gestalten die Akteure mit spielerischer Eleganz. Und sie entwickeln eine Sogwirkung, von der man sich gerne mitreißen lässt. Beim begeisterten Publikum bedankt sich der Pianist mit dem Präludium und der Fuge in D-Dur aus Dmitri Schostakowitschs Opus 87: schlicht und geradlinig.
Begonnen hatte der Abend weniger glanzvoll mit Schumanns Manfred-Ouvertüre, die in vielen Details klapperte. Umso überraschender, dass die Filharmonica della Scala nach der Pause bei der zweiten Symphonie in C-Dur op. 61 nicht nur eine Schippe drauflegt, sondern hier besonders in den Streichern große Homogenität erzielte. Kleinere Probleme bei den Bläsern waren zu vernachlässigen. Chailly ist nah beim Orchester, wendet sich immer wieder einzelnen Streichergruppen zu, um eine Phrasierung gestisch zu unterstützen. Der Streicherklang ist sehnig und flexibel. Trotz des schnellen Tempos verlieren die Streicher im Scherzo nichts von ihrer guten Artikulation. Das Adagio espressivo wird zu einem großen, tief empfundenen Schmerz. Das Finale, in dem Schumann in den Punktierungen Bezug nimmt auf Felix Mendelssohns dreizehn Jahre zuvor uraufgeführte „Italienische Symphonie“, verbindet südländische Leidenschaft mit Leichtigkeit und Esprit. Mendelssohn hatte damals die Uraufführung von Schumanns 2. Symphonie in Leipzig dirigiert. Wenn nun in Baden-Baden ein italienisches Orchester dieses Werk interpretiert, dann schließt sich gewissermaßen der Kreis.



Münchner Philharmoniker


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