Cenerentola Innsbruck

Koloraturgeglitzer

Geschwisterliebe à la Rossini: v.l.: Kristina Cosumano (Tisbe), Lysianne Tremblay (Angelina),
Susanna von der Burg (Clorinda) Foto: Rupert Larl

Rossinis "La Cenerentola" in einer sehens- und hörenswerten Neuproduktion am Tiroler Landestheater Innsbruck
(Innsbruck, 7. November 2010) Wer ein solches Aschenputtel in seinem Ensemble hat, der muss einfach nach Rossini greifen, selbst wenn dessen hochtouriges Koloraturgeglitzer nicht jedem Beteiligten so locker von den Lippen perlt, wie es edle CD-Aufnahmen verheißen. Brigitte Fassbaender nutzte die Chance und vertraute der jungen, zarten Lysianne Tremblay die Angelina aus Gioacchino Rossinis 1817 uraufgeführter "La Cenerentola" an. Mit großem Erfolg, wie der rauschende Schlussbeifall bei der Premiere  im Innsbrucker Landestheater bewies. Dass die Intendantin auch gleich noch einen Ramiro aus dem Hut zaubern kann, der sich als Bilderbuchprinz neben der Titelfigur spielend behauptet, ist ein besonderer Glücksfall. Es ist der junge, in jedem Outfit fesche Martin Mitterrutzner, der schon seit einiger Zeit in Innsbruck gehegt und gepflegt wird. Gewappnet mit einem hellen, wendigen Tenor und natürlichem Charme stellt er sich Rossinis Anforderungen – und gewinnt.
Das ungleiche junge Paar steht natürlich im Zentrum des Geschehens, das vom aufstiegsbesessenen Papa, Don Magnifico, und den heiratswütigen, missgünstigen Schwestern Clorinda und Tisbe auf Touren gebracht wird, angekurbelt von den Verwechslungsspielen bei Hofe. Prinz Ramiro sucht nämlich eine Frau und um die einzig richtige zu finden schickt seinen Diener Dandini als Prinzen verkleidet vor. Er selbst schlüpft in den Dienerrock und verliebt sich natürlich sofort in die feine, warmherzige, unterdrückte Angelina – das Aschenputtel, das Don Magnifico als Tochter schlichtweg verleugnet. Selbst dann noch, als die Verachtete bereits als Ball-Königin die aufgetakelten Schwestern in den Schatten gestellt hat. Lysianne Tremblay ist zunächst ein verhuschtes, graues Mäuschen, das unter der Treppe schläft und dennoch immer wieder der Tristesse und den Schikanen der Familie entfliehen kann: Ein hübsches Papiertheater steht auf dem Souffleurkasten und sobald Angelinas Blick die Mini-BarockBühne streift, scheint sie entrückt und verzaubert. Im sanftmelancholischen Volksliedton träumt sie sich in eine andere Welt. Raus aus dem schäbigen Souterrain mit den blinden Fensterscheiben, durch die die Hofschranzen – lauter graue Herren mit Aktentaschen und Schirmen – hereinsingen.
Zunächst gefällt Lysianne Tremblay mit weichem, innigem MezzoTon, der im Laufe des Abends an beweglicher und geschmeidiger Koloraturfertigkeit zulegt, so dass sie am Schluss durchaus selbstbewusst auftrumpft. Da hat sich das aschgraue Mädchen längst zu einer entzückenden AudreyHepburnGestalt gemausert. Schon beim Ball trägt sie zum kleinen Schwarzen deren großen Hut und die Riesen-Sonnenbrille, beim Finale dann die kesse rote Pillbox mit Schleier zum schicken, schmalen Mantel. Dass die mit Rüschen und Volants in grellen Farben aufgeplusterten, aufdringlichen Sisters dagegen abstinken, wundert nicht.
Regisseurin Brigitte Fassbaender, die Rossini genau zuhört, gönnt dem Liebespaar seine eigene Aura und lässt’s bei den Schwestern durchaus krachen: Susanna von der Burg als Clorinda und Kristina Cosumano als Tisbe dürfen dick auftragen – nicht nur den Lippenstift. Auch Papa Magnifico (Michael Dries) mischt polternd mit und wird von den Hofherren kräftig unterstützt. Costantino Finucci stattet seinen Dandini mit einem durchaus herrschaftlichen Bariton aus und gockelt genüsslich durchs Maskenspiel. Ulrich Burdacks sonorer Alidoro wirkt im beigen CordAnzug wie der Fäden ziehende Dramaturg, der auch mal mitspielen darf. Beim rundum kurzweiligen, nicht in die Klamotte abrutschenden Spiel wird die Regisseurin von Bühnen und Kostümbildnerin Bettina Munzer gekonnt unterstützt. Geradezu ein Aha-Erlebnis beschert ihr Einfall, Angelinas Theaterchen zur "echten", perspektivisch gestaffelten HofKulisse zu vergrößern. Und wenn zuletzt in eben dieser ein überdimensionales, rotbeschuhtes Damenbein steht, dann ist der Gag perfekt: Clorinda hinterlässt mit ihrem zornigen Fußtritt mitten hinein in die PuppenBühne einen Abdruck auch auf der großen. Auch der laborähnliche Weinkeller, der mit rotglühenden Schläuchen aus dem Untergrund hochfährt, ist ein Hingucker.Immer wieder befeuert wird das muntere Geschehen von Rossinis hinreißender Musik. Ihre schnurrende Mechanik, ihre Uhrwerk-Präzision sind für Orchester und Chefdirigent Georg Fritzsch eine echte Herausforderung. Sie stellen sich ihr – den heiklen TurboEnsembles und der Gewittermusik – forsch und zupackend, malen oft mit dickerem Pinsel, wo doch der spitze Stift gefragt wäre. Gleichwohl erobern sie mit Rossinis Lyrismus, seinem Melodienreichtum und flinkem Geplapper die Gunst des Publikums.
Gabriele Luster
Nächste Vorstellungen im Tiroler Landestheater Innsbruck: 10., 21., 27. November. Karten: Tel. 0043 512520744.

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