Cecila Bartoli, Agostino Steffani

In öffentlicher Mission

Cecilia Bartoli zusammen mit dem Kammerorchester Basel und ihrem "Mission"-Projekt zu Gast in Köln
(Köln, 22. November 2012) Die Bartoli ist in einer besonderen "Mission" unterwegs, als Agentin für einen vernachlässigten Komponisten – der Konzerttitel ist ihrem jüngsten CD-Projekt mit Arien des barocken Opernkomponisten Agostino Steffani entlehnt. Für dieses Projekt lässt sie sich mit Glatze und Priesterkäppi in schwarzem Talar ablichten. Verteilt Bilder als weiblicher Sherlock Holmes im Tweed-Kostüm und Hütchen, die Aktentasche fest an die Brust gedrückt, oder sie zückt das Fernglas auf einem Sofa sitzend in einem Trailer auf ihrer Internetseite. "Vielleicht war er ein Mörder?!"
Was die Bartoli hier inszeniert, ist weder dumm, blöd, nervig oder langweilig. Im Gegenteil. Immer sprüht ein Funken Bartoli-Charme mit. Und wenn es einen den Konzerten und CDs vorauseilenden Handlungsimperativ gibt, dann den: "Die Promotion bin ich! Und wie es mir gefällt, nicht, wie das System es befiehlt." Selbst besagten Trailer, in dem sie Steffani geradezu pädagogisch ambitioniert erklärt – langsam sprechend wie eine Lehrerin vor schwer zugänglichen Schülern – sieht man einmal angefangen bestimmt bis zu Ende durch.
Das alles kann man dann aber vergessen, wenn die Bartoli leibhaftig auf der Bühne steht. Nein, in der Kölner Philharmonie erschien sie nicht klatzköpfig, was einige im Publikum tatsächlich vermutet und befürchtet hatten. Es ist wieder anders: Mit langem schwarzen Haar, in einem blauseidenen "königlichen" Abendkleid mit ordentlich Dekolletee stürmt sie auf die Bühne. Nach dem der Ouvertürenauftakt schon mächtig die Neugier geweckt hat, nicht nur wegen der energetisch nach bester Barockmanier aufspielenden Musiker. Ein schwarzes Sofa mit Tischchen und Klavier links in der Ecke wirft Fragen auf. Aus dieser Ecke stürmt sie angriffslustig aus dem Bühnen-Off, rasselt mit einem Schellenkranz in die bereits laufende Einleitung der Arie des Gotenkönigs Alarich aus "Alarico il Baltha" (1678). Und noch bevor sie vor den Musikern steht und mit Koloraturattacken Alarichs Vorsatz Rom zu plündern umsetzt, ist die Philharmonie aus dem Häuschen, schreit und applaudiert. Die Causa Agostino Steffani hat schon gesiegt.
Die Bartoli sprüht, verbreitet Laune, lacht und durchlebt mit überbordend lebendiger Mimik die Rollen, die das Barockopernpersonal so parat hat und auch Steffani benutzt. Man nimmt ihr jede Darstellung – ob männlich, weiblich, ist doch egal – ab. Liebesschmerz in der herzzerreißenden Klage "Deh, non far colle tue lagrime" des Tassilo aus "Tassilone" (1708), in der die Oboistin eine Solostimme im zarten Pianissimo hinzufügt, das die Bartoli im Da capo mit noch leiseren Tönen toppt. Beim wütenden Ermolao aus "La superbia d’Alessandro" (1890) gurgelt und orgelt dann die Bartoli nicht wirklich laut, das weiß man ja, aber laut genug! Und keine Koloratur aus dem gefürchteten Kastratenrepertoire ist ihr zu lang. Und dann säuselt sie genüsslich den zu Anfang tobenden Krieger Alarich in den Schlaf. Jetzt ist sie die Sabina, die die politische Überlebenskunst der vorsätzlichen Liebesvortäuschung praktiziert. Es folgt eine berückende Schlafszene, die in den französischen Opern dieser Zeit so beliebt war.
Erstaunlich überhaupt, wie französisch der Italiener Agostino Steffani klingt, der unter anderem in Rom bei Ercole Bernabei studiert hat und dann in Deutschland Karriere gemacht hat. Punktierungen und breites Pathos gefolgt von einem schnellen Mittelsatz ist typisch für seine Ouvertüren, beispielsweise die zu "La libertà contenta", in der am Ende – ein dramaturgisch bestens funktionierender Einfall – sich die Musiker nach und nach von der Bühne verabschieden und auf Stühlen am Rand Platz nehmen. Die Arie der Niobe "Amami e vedrai", die nahtlos anschließt, begleiten nur der Cellist, der zur Basse de viole, der siebensaitigen französischen Gambe greift, zusammen mit Theorbe und Cembalo (nach Daniel Dulcken – die Franzosen der Zeit favorisierten die flämischen Modelle – von Burghard Zander gerade für die Kölner Philharmonie gebaut!). So klingt das zarte Angebot der liebenden Königin von Theben Niobe unwiderstehlich.
Die Praxis solcher "petit choeurs", die je nachdem sogar auf der Bühne sitzen durften, hat Steffani an der Quelle, in der Académie Royale in Paris sicherlich kennen gelernt. Denn auch beim Orchesterchef der Franzosen, bei Jean-Baptiste Lully, hat sich Steffani eine Lehrzeit gegönnt. Alle deutschen Fürstentümer schielten ja  im 17. Jahrhundert zu Ludwig XIV., und nach dem, was in diesem Vorzeigehof auch musikalisch angesagt war. Und der "vermischte Geschmack", den Georg Philipp Teleman rhetorisch hoffähig gemacht hat, ist schon bei Agostino Steffani zu bemerken.
Musikalisch überzeugten in diesem Konzert auch die im Rund stehenden Musiker, die sich in den Bartoli-Kosmos perfekt einfühlten und mit superben Blockflöten-, Oboen- und Viola da gamba-Soli die Bartoli umschmeichelten und das in pianissimo-Bereichen. Denn auch wenn die Bartoli-Stimme nicht groß, im Verhältnis zu der Kölner Philharmonie geradezu klein ist, sie fokussiert, sie trägt.
Die Ohren der Zuhörer wurden in diesem Konzert immer sensibler. Abgesehen von einigen unverbesserlichen Hüstler und Bonbonpapierchenaufdreher, in der Philharmonie kam Stille und Aufmerksamkeit auf, dass Geräusche wahr genommen wurden, die mir noch nie aufgefallen sind, Holzknacken beispielsweise.
Ein Höhepunkt und Publikumserfolg war der eingebaute Nachmachwettbewerb, den sich die Bartoli mit dem Trompeter lieferte und eindeutig für sich entschied. Einziger Wermutstropfen war ein Percussionist, der wenig passend rasselte, prasselte. Einmal sägte er sogar an einer Zymbel oder einer Crotale, wohl um der Harmonie einen sphärischen Ton beizufügen oder legte einen Schellenkranz auf die Trommel, um mit diesem "barocken" Snaredrum-Effekt militärisches Flair in den Liebeskrieg zu bekommen. Aber über "Le bon goût" – den guten Geschmack, lässt sich bekanntlich trefflich streiten.
Aber mit Überraschungen – da gibt es keine Frage – ist die Bartoli im klassischen Geschäft kaum zu toppen. Zugaben konnten den Publikumssturm nur besänftigen. Die Arie "Lascia la spina" stammt aber aus dem Oratorium "Il trionfo del Tempo e del disinganno" von Händel, die  die Melodie des  berühmten "Lascia ch’io pianga" (aus "Rinaldo") vorwegnimmt. Nach der dritten Zugabe – das Orchester trat schon ab, stürmten Musiker mit auffallend zeituntypischen Instrumenten die Bühne, pflanzten sich – mit einer richtigen Snaredrum, Posaunen, Trompeten ins Sofa und drumherum auch ans Klavier und legten los. Für die vorletzte Arie vor der Pause , die Arie "Più non v’ascondo" der Rotruda aus "Tassilone", bekamen die Heavy Tones, die Band von Stefan Raab, eine Audienz. Und eine sprudelnde Bartoli nahm es auch mit denen auf. Vor den Überraschungen der Steffani-Queen ist niemand sicher!
Sabine Weber

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