CD der Woche Grigory Sokolov

Donnergewitter in Tönen

Grigory Sokolov spielt Mozart- und Rachmaninow-Konzerte (DG 479 7015 (CD+DVD)

Christoph Zimmermann

Unter Künstlern gibt es Anbiederer und Verweigerer. Der russische Pianist Grigory Sokolov (*1950) gehört zu den Letzteren, er gibt beispielsweise so gut wie keine Interviews. In gewisser Weise scheint er jetzt milder geworden zu sein. Obwohl Sokolov inzwischen nur noch mit Solo-Recitals auftritt und Aufnahmestudios grundsätzlich meidet, hat er in jüngster Zeit der Veröffentlichung älterer, sogar orchesterbegleiteter Aufnahmen zugestimmt, alle selbstverständlich live. Aktuell handelt es sich um das Mozart-Konzert KV 488 und das dritte von Rachmaninow. Mozart wurde 2005 im Salzburger Mozarteum mitgeschnitten (hellhörig und gelenkig begleitet vom Mahler Chamber Orchestra unter Trevor Pinnock), Rachmaninow 1995 in der Londoner Royal Albert Hall (superbe Assistenz durch das BBC Philharmonic unter Yan Pascal Tortelier).

Die beiden Werke könnten unterschiedlicher nicht sein, was Sokolov fraglos wichtig war. Mozarts helle Luzidität (ungeachtet des Moll-Adagios) kontrastiert vehement zu Rachmaninows explosiver Virtuosität (trotz etlicher Passagen der Versonnenheit). Und da der Russe in Sokolovs Repertoire inzwischen kaum noch eine Rolle spielt, ist das von ihm entfachte Donnergewitter in Tönen eine veritable Überraschung. Mozarts Filigran entspricht seinen derzeitigen Soloprogrammen freilich wesentlich mehr. Sokolovs pointilistisches Spiel findet sich jetzt am ausgeprägtesten in der unbegleiteten Adagio-Einleitung wieder. Und hier wird auch die immer wieder erlebte Magie wirksam, wenn Sokolovs unglaublich trennscharfes Spiel in einem großen Konzertsaal seine einzigartige Leuchtkraft und Raumwirkung entfaltet. Dieser klingende Herzschlag ist letztlich nicht zu konservieren, aber die Mitschnitte lassen ihn immerhin auf eindrucksvollste Weise erahnen. Die Bonus-DVD bietet einen Film über den Pianisten ohne seine persönliche Mitwirkung („A conversation that never was“). Das Booklet enthält seltene Fotos. Auf einem lächelt Sokolov sogar. Seine neben ihm sitzende, 2013 verstorbene Ehefrau Inna Sokolova muss für ihn eine Art Engel gewesen sein.

Münchner Philharmoniker


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