Cavallis Hipermestra in Glyndebourne

Foto: Festival Glyndebourne

Der Regisseur des Gemetzels

Das 83. Glyndebourne-Festival bringt zum Start Francesco Cavallis „Hipermestra“ auf die Bühne. Mit einem brillianten Orchestra of the Age of Enlightenment. Regisseur Graham Vick schlägt in der selten gespielten Barock-Oper den Bogen zum Terror im Nahen Osten

Von Susanne Lettenbauer

(Glyndebourne, Mai 2017) Krieg auf der Bühne – die Gruseltherapie wirkt heute fast immer verlässlich. Gerade Barockopern werden seit einigen Jahren gern damit aufgepeppt. Händels Rinaldo in Innsbruck, von dem Iraner Amir Hosseinpour und Nigel Lowery als Al-Quaida-Anspielung inszeniert – ein Erfolg, Martin Kusej Version der Entführung aus dem Serail wegen zu realitätsnaher Szenen 2015 in Aix-en-Provence gekürzt – ein Skandal.
Und jetzt also Cavallis seit 1658 erst dreimal aufgeführte Oper Hipermestra auf Glyndebournes Bühne im IS-Terrorlook – mit schrecklicher Aktualität…
Auch die Musiker des Orchestra of the Age of Enlightment treten in nahöstlicher Jellabija auf. Dirigent William Christie trägt die sandfarbene Nomadenmütze. Zumindest für das konservative Glyndebourne-Publikum ein ungewohnter Anblick und willkommener Gesprächsstoff später beim Picknick mit Champagner zwischen Schafen.
Die Botschaft von Regisseur Graham Vick: Der Mensch wiederholt sich. Lernen aus der Geschichte? Nein.

1658 in Florenz als festa teatrale von Carlo de’ Medici bestellt, sollte der antike Mythos um die Danaiden-Tochter Hypermestra dem militanten Faible des florentinischen Herrschers huldigen. Mit flotter Feder und für heutige Leser überraschend modern schrieb Giovanni Andrea Moniglia das Libretto, zahlreiche Götter kommentieren nebenbei die Handlung, Männer und Frauen lieben, hassen und versöhnen sich, in fünf Stunden Dauer brutto. Da das selbst für treue Festivalmember ermüdend werden könnte, entschied man sich, die Götter kurzerhand zu streichen. Zum Glück.

Regisseur Graham Vick, derzeit künstlerischer Leiter der Birmingham Opera Company, der zuletzt vor 17 Jahren an Englands grünen Hügel engagiert war, präsentierte er in diesem Jahr mit der auf dem Programm stehenden Barockoper eine solide Inszenierung, modern genug für britische Augen, aber doch so moderat, dass – zumindest offiziell – keine Terror-Drohungen bei Glyndebourne-Chef Gus Christie eingetroffen sind.

Das Bühnenambiente gleicht denn im ersten Teil einem exotischen, orientalischen Palast. Schier endlos ziehen die Reihen der 50 verschleierten, schneeweiß gekleideten Bräute an dem selbstverliebten Vater und sonnenbebrillten, ägyptischen Herrscher Danao vorbei. Anwesend sind auf der einsamen Feier eine Burka und das schwer verkrachte Paar Elisa/Arbante. Die Burka entpuppt sich wenig später als Clown des Abends, Vafrino, natürlich ein Mann unter dem Schleier, der auf Männer steht und mit einem nicht gesanglich, aber dafür darstellerisch brillianten Anthony Gregory für die notwendigen Lacher des Abends sorgt.

Durch einen Leak erfährt Danao von seinem Schicksal: Einer der Schwiegersöhne in spe würde ihn töten, also überzeugt er seine Töchter, noch in der Hochzeitsnacht zum Messer zu greifen. Eine klare Sache, wäre da nicht die schneeweiß gekleidete Braut Hipermestra, die fast lächerlich verliebt in ihren Bräutigam Linceo alle Vorsicht und das gezückte Messer fallen lässt.
Doch wo man Dankbarkeit erwarten würde, beginnen hier die Missverständnisse. Linceo bedroht seine Braut in IS-Manier. Papiersack über den Kopf, Scheinhinrichtung. Vick lässt keine IS-Abartigkeit aus, um auch dem letzten Zuschauer nachdrücklich zu erklären, wie infam die angeblichen Gotteskrieger heute unterwegs sind. Wer wüsste das nicht ohnehin…

Dass es nach drei Stunden, unzähligen textlastigen Rezitativen und einem zerbombten Ehebett und Palastruine auf der Bühne dennoch zu einem Happy End kommt, lässt den Abend dann doch nur zu einem orientalischen Märchen verkommen. Die IS-Kostüme wirken wie Staffage, eine unglaubwürdige Verkleidung, derer Cavallis Oper nicht bedurft hätte. Trotzdem Jubel vom Publikum. Vor allem auch für die ungarische Sopranistin Emöke Barath. Ihre Hipermestra wandelt sich vom verliebten, Küsschen werfenden Teenie zu einer selbstbewussten Überlebenden. Die Siegerin des Cesti-Gesangswettbewerbs der Innsbrucker Festwochen für Alte Musik 2011 dürfte zu den Perlen des diesjährigen Festivals zählen. Frauenpower im Orient, neben dem vor allem die männlichen Sänger wie die schwachen Countertenöre Raffaele Pe als Linceo und der Brasilianer Rodrigo Ferreira als Macho Delmiro abfallen.

Trotz der nahezu traumwandlerischen Unterstützung durch William Christies Orchestra of the Age of Enlightenment. Sehr zurückhaltend begreifen sich die Musiker vor allem als Begleiter der textlastigen Rezitative. Arien im heutigen Sinne schrieb Cavalli nicht in seinen Opern. Karg besetzt mit zwei Lauten, zwei Theorben, zwei Gamben und Violinen setzt Christie am Spinett auf ein inniges Miteinander von Sängern und Instrumentalisten. Nicht ohne seine zwei Violinen ab und an keck auf die Bühne zu schicken, um das Gemetzel ironisch zu kommentieren. Musikalisch ein kleines Juwel, das es noch dieses Jahr als DVD-Mitschnitt geben soll, leider nicht online wie die Uraufführung von Brett Deans Hamlet (6. Juli) oder Claus Guth La clemenza di Tito (3. August) auf www.glyndebourne.com oder www.telegraph.co.uk/glyndebourne.

Das diesjährige Festival startet also nach den anfänglichen Bedenken mit einem Aufatmen in die grüne Saison. Alles halb so schlimm. Das wünscht man sich im Generaldirektorenbüro auch für die Brexitfolgen. Denn mit der Abwertung des Pfund um fast 15 Prozent steht das Festival vor schwerwiegenden Problemen: Künstler wollen ihre Verträge nachverhandeln, Produktionen werden teurer. Noch könne man gar nicht abschätzen, wie gravierend die Auswirkungen werden. Abwarten, meint Gus Christie im Büro seines Grossvaters John, der 1934 das Glyndebourne-Festival gegründet hat. Und das meint auch Sebastian Schwarz. Der gebürtige Rostocker und nach eigener Aussage von DDR-Kindesbeinen an Englandfan, verantwortet seit vergangenem Jahr das mittlerweile 83jährige Festival. Nach einer Saison kann man sagen: Schwarz tut dem zuletzt verzopften Festival gut. Der Nachfolger von David Pickard arbeitete zuvor am Theater an der Wien und der Kammeroper Wien, beim Festival im irischen Wexford, am Teatro La Fenice, in Mailand und als Assistent des Operndirektors der Hamburgischen Staatsoper. Gemeinsam mit seinem Mann, dem Sänger Ladislav Elgr pendelt er nun zwischen Wien, Venedig und Glyndebourne. Er plant eine Ausweitung der Kinoübertragungen von Glyndebourne-Produktionen, will auch mehr junge Menschen auf seinen kurzen Rasen locken. Dazu etabliert er, wie schon vor Jahren in Innsbruck, einen Sängerwettbewerb: den Glyndebourne Opera Cup. Die „England sucht den Super-Klassik-Star“-Show ab 2018 sorgt bereits jetzt für Aufregung in der englischen Klassikszene.

In diesem Jahr kommt noch Regisseur Claus Guth nach Glyndebourne mit Mozarts La clemenza di Tito, Stefan Herheim ist 2018 für Debussys Pelleas und Melisande engagiert, Keith Warner stellt Vanessa von Samuel Barber vor und Barry Kosky Händels Oper Saul.
Die Pläne von Sebastian Schwarz zeigen: Da will jemand Englands Klassikszene gehörig aufmischen.

„Hipermestra“ bis 8. Juli 2017
www.glyndebourne.coma

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