Castorf versenkt Verdis La Forza in Berlin

Volksbühnen-Trash trifft auf Opernplunder

Frank Castorf inszeniert Verdis „La Forza“ in Berlin in Grund und Boden

Von Bernd Feuchtner

(Berlin, 8. September 2019) So sieht er also aus, der „Tod der Oper“: Die Sänger mühen sich im Halbdunkel an der Rampe ab, und das Publikum starrt auf rätselhafte Videos über ihnen. Frank Castorf ist ein grandioser Schauspielregisseur und hat mit seinem Team für Wagners „Ring“ in Bayreuth tolle Bilder gefunden, aber Verdi funktioniert viel stärker über die musikalische Dramaturgie und über den Körper des Sängers. Wenn man den Sänger alleine lässt mit seinen Operngesten, wenn man den Chor in Carmen-Kostüme steckt und an der Rampe genauso elend verhungern lässt, dann zündet diese Musik nicht. Alle diese Sänger können ihre Rollen singen, aber gestalten durften sie sie nicht. Die Folge ist Geschrei. So wird „La forza del destino“ schnell ganz langweilig – dem Dirigenten Jordi Benàcer fehlten die Gegenmittel.

Natürlich waren alle Castorf-Elemente versammelt. Man bekam, was man erwartet. Auch die übliche Kartoffelsalat-Schlacht fand statt, nur dass es in der italienischen Oper natürlich Spaghetti waren, über die Blut gegossen wurde. Auf dem Video wurde ebenfalls reichlich Theaterblut verschmiert, „Verletzte“ wälzten sich auf Bahren, denn viel mehr als die dürftige Handlung der Oper interessierten Castorf Krieg, Faschismus, Rassismus, Kolonialismus, Christentum – die ganze Schreckensbilanz der letzten 500 Jahre. In dieser Anhäufung wirkt das allerdings total beliebig und lässt das Publikum völlig kalt.

Es begann mit einem Franco-Plakat samt Hakenkreuz. Später stehen zwei Soldaten mit italienischen Fahnen auf einem amerikanischen Militärlastwagen und rufen Parolen gegen die Christen – das wirkt so billig wie die Kirchenkritik, wenn der Prior erst Leonora begrabscht und dann mit einem Transvestiten knutscht. Wenn so Volksbühnen-Trash auf Opernplunder trifft, entsteht eine trübe Mischung.

Die selbstverliebte Inszenierung traf auf die Oper, verband sich aber nicht mit ihr. Dadurch wirkte das krude Drama um Ehre und Krieg noch unglaubwürdiger: Diese Oper muss wirklich schlecht sein, sollte das Publikum denken, man muss sie mit zeitgemäßen Mitteln aufpeppen. Doch wenn ein Transvestit in Strass und weißem Pelzcape für seinen nackten Hintern mehr Aufmerksamkeit bekommt als Leonore – dann weiß ich nicht mehr, warum ich in der Oper bin. Wenn ein hervorragender Text eines italienischen Autors – Malapartes „Die Haut“ – in der italienischen Oper auf englisch von Nicht-Schauspielern skandiert wird, dann reißt dem Publikum die Geduld und ein paar Randalierer übernehmen die Regie – „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben“, hielt ihnen ein Zuschauer ironisch entgegen. Der arme Sänger versuchte auf der Bühne zweimal einen Neuansatz und fügte bei dem Satz „Europe has become garbage“ aus Verzweiflung hinzu: „Look at this staging!“

Auch bei der letzten „Forza“-Inszenierung der Deutschen Oper randalierte das Publikum: Hans Neuenfels hatte für die Hymne an den Krieg das Triptychon von Otto Dix inszeniert, in dem die Kriegskrüppel die feiernde Gesellschaft der Roaring Twenties flankierten – doch plötzlich stürmten die Krüppel die Bude. Da geriet das Opernpublikum außer sich. Jahrzehntelang. Weil diese Inszenierung musikalisch war und den Punkt traf. Castorf ist die Musik so egal wie die Sänger. Doch wird sie zum Soundtrack erniedrigt, schlägt die Musik zurück und verpasst ihm ein K.O.

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