Carmen Scala

Carmen und die Kirche

Anita Rachvelishvili (Carmen), Jonas Kaufmann (Don José) Foto: Marco Brescia / Teatro alla Scala

Kontrovers aufgenommene Scala-Eröffnung mit Bizets "Carmen"
(Mailand, 7. Dezember 2009) Wer ist denn nun diese Carmen, Zigeunerin, Zigarettenarbeiterin und opernhaftes Urbild einer sinnlichen Frau, ist man versucht ungeduldig zu Fragen, wenn die diesjährige Scala-Saisoneröffnungspremiere inklusive aller Pausen nach langen mehr als vier Stunden vorüber ist. Denn so ganz leicht macht es die sizilianische Regisseurin Emma Dante dem Zuschauer, zumal dem aus dem Norden, nicht.
Doch je südlicher einer denkt und fühlt und je mehr er über den Gebrauch des christlichen Kreuzes in der italienischen Politik weiß, desto eher wird er den Buh-Orkan für die Regie und die wohlwollende bis enthusiastische Zustimmung der kritischen Opernbesucher für die diesjährige Eröffnungspremiere an der Mailänder Scala nachvollziehen können. Georges Bizets Oper, die Nietzsches Wagner-Begeisterung ein Ende bereitet hat, fordert auch heute noch heraus – weniger das Publikum, aber dafür umso mehr die Regie. Umso mehr gilt das für eine inszenierende Sizilianerin wie Emma Dante, die sich mit "Carmen" zum ersten Mal am Operngenre versuchte. Sie bettet die Geschichte von der unbezähmbaren, die Phantasie der Durchschnittsmänner bis in den roten Bereich aufheizenden Carmencita in ein düsteres, von nicht immer leicht lesbaren Symbolen und Ritualen beherrschtes mediterran-bigottes Milieu.
Dieses Ambiente auszumalen scheint ihr wichtiger, als das Innere der Personen sichtbar zu machen. Kreuze, Priester, Ministranten sind allpräsent. Die Männer sind Voyeuristen oder unbeherrscht-geile Gewaltburschen. Auch Don José, für gewöhnlich ein introvertierter Verlierertyp, wühlt sich bei Dante vor der Stierkampfarena wild durch Carmens Unterwäsche. Ihre Personen sind eher Charaktermasken als Menschen aus Fleisch und Blut. Escamillo ist ein George Clooney des Stierkampfsports, Micaëla eine, die beim Kirchgang (schwarz) trägt, aber Heirat (weiß) im Sinn hat; und die Assistenten des Torreros sind männerliebende Kraftprotze.
Wo Kirche und Männerwelt dominieren, ist die Gegenkraft der autonomen Frauenliebeswahl nicht weit. Neben dem katholischen Schwarz bestimmen Rot und Weiß die (von Emma Dante selbst entworfenen) unfolkloristisch-schönen Kostüme. Richard Peduzzis Bühnenbilder verdichten die spanischen Schauplätze ins Bedrohlich-Abstrakte. Ebenso abstrakt die Zeit der Handlung; und zeitlos die in schwarzes Leder gekleideten Soldaten. Ritualisierte Choreographien der Gewalt ersetzen das Spaniertum von Armee und zivilem Tierkampfsport.
Derweil draußen vor der Scala-Tür die reale Polizei in hochgezüchteter Straßenkampfausrüstung aufmarschiert. Immerhin feiert man das 40jährigen Jubiläum der ersten Eierwürfe zur Scala-Eröffnung am 7. Dezember 1969. Doch ereignen sich nur kleine Scharmützel mit den Demonstranten. Und die Privilegierten, die durch die Barrieren ins Haus geschleust werden, sehen ein Theater ohne den üblichen Blumenschmuck. Auch die meisten Damen halten sich an die angesichts der Wirtschaftskrise ausgegebene Parole, sich dezent zu kleiden.
Doch wer ist nun diese buntgekleidete junge Frau auf der Bühne, die sich ihre Lieben selbst aussucht? Ein junges Ding, das seine Umwelt so provoziert wie Turridu in Mascagnis "Cavalleria rusticana". Anders will sie sein als die anderen, die Normalen, die Angepaßten. Dass sie immer und immer wieder den Rock hebt und den Blick auf ihre Knie freigibt, wirkt wie eine obsessive Provokation der vorgeblich Anständigen. Auch Don José ist einer von ihnen. Daß er dem Wunsch seiner Mutter gehorchend Micaëla heiraten wird, erscheint ihm normal – bis er Carmen begegnet. Und die ist bei Emma Dante nur in Maßen erotisch, viel eher unangepaßt, marginalisiert. Das Erotische beschränkt sich aufs Kniezeigen. Das anarchische Freisein-Wollen bis in den Tod zeichnet sie aus. Am Ende reicht sie José noch das Messer, das ihr den Tod bringt. Und der allpräsente Priester schaut samt seinem Gefolge zu.
Das mag uns Nördlichen ein bißchen zu wenig in die Personenregie gehen. Dort, wo die Kirche noch mächtig und die Doppelmoral intakt ist, provoziert das noch immer. Emma Dante, wusste, was sie erwartet. Erst ganz zum Schluß wagte sie sich auf die Bühne, um die Buhs des Loggione, der Stehplätze der Scala, entgegenzunehmen. Dort, wo die weltgewandten Reichen und die Intendanten der anderen Theater sitzen – unter ihnen neben Placido Domingo (der hier am 9. Dezember ein Galakonzert anläßlich seines ersten Auftritts an der Scala vor 40 Jahren singt) auch Nikolaus Bachler und der künftige Intendant der Wiener Staatsoper -, war man milder gestimmt.
Gab es doch an Daniel Barenboims Dirigat wenig auszusetzen. Es war in Maßen traditionell, rückte die Farben der Partitur (und ihre perkussiven Qualitäten) ins Zentrum, ohne grell und plakativ zu sein. Die junge Georgierin Anita Rachvelishvili war mit ihrer kräftigen, dunklen Stimme die große Entdeckung des Abends; Jonas Kaufmann gab einen makellosen Don José auf der Suche nach einem Mittelweg zwischen französicher Oper und unausrottbarem Pseudo-Verismo. Es wäre doch sehr schade, wenn er seine bisweilen schon etwas zum Schweren neigende Stimme an Wagner zugrunderichten wollte. Erwin Schrott war ein souveräner Escamillo, auch wenn er den gefährlichen Klippen seines Auftrittslieds – weniger zwar als andere – Tribut zollen mußte. Nur Adriana Damato enttäuschte als Micaëla, weil ihre Stimme in der Mittel- und tiefen Lage ohne Kraft und Ausdruck blieb. Der Chor der Scala war präsent wie immer; und die Schauspieler der von Emma Dante geleiteten "Compagnia Sud Costa Occidentale" sorgten für jene sportliche Dynamik, welche die statischen Chor-Bilder und das ortsopernübliche Rampen-Stehen konterkarierte.
Anton Sailer

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.