Carlos Augsburg

Eine Oper für Wolfgang Schäuble

Foto: Theater Augsburg/A. T. Schäfer

Dirk Kaftan begeistert als neuer GMD in Augsburg in einer spannenden Premiere von Verdis "Don Carlos"
(Augsburg, 17. Oktober 2009) "Don Carlos" ist sogar für große Bühnen oft ein Wagnis. Umso überraschender, wenn ein mittleres Dreispartenhaus wie Augsburg Verdis vielleicht experimentellste, kühnste Oper nicht nur ausschließlich mit Ensemblemitgliedern besetzen kann, sondern eine am Ende in vielerlei Hinsicht geglückte Premiere stemmt.
Dabei hinterließ die erste Hälfte noch keinen so runden Eindruck. Schon die Einheitsbühne von Marc Bausback, ein silbern schimmernder Kasten, dominiert von einer riesigen Leinwand, war gewöhnungsbedürftig. Eine Kamera fängt den Teppich, auf den die leeren, orangefarbenen Stuhlreihen des Augsburger Theaters gemalt sind, aus der Vogelperspektive ein – samt allem, was sich darauf abspielt. Erst im zweiten Teil wird zur Gewissheit, dass der Großinquisitor die totalitäre Überwachungsinstanz ist. Denn jetzt besucht der blinde Greis König Philipp II. von Spanien und hat die Kamera umgehängt, die alles dokumentiert, was er nicht sieht, oder eben doch? Dass im ersten Teil eine einzige Stuhlreihe fast an der Rampe die Sänger oft zum Sitzen in höchster Emotion zwingt, führt zu einer nicht immer schlüssigen Reibung, wie auch der gewagte Spagat zwischen szenischer Abstraktion, Symbolik und dezidierter Körperlichkeit in der Personenregie nicht immer überzeugte. Wie viele Regisseure kapitulierte Ludger Engels vor der Autodafè-Szene am Ende des zweiten Akts – in der hier gespielten vieraktigen italienischen Fassung von 1884. Die Brisanz eines Festzugs mit den Verurteilten auf dem Weg zur Hinrichtung erschöpfte sich in choreographierter Bigotterie mit ausgebreiteten Armen und betenden Händen, der Fesselung und dem mysteriösen Tod von vier Menschen (die die Überwachungskamera entdeckt haben) samt personifizierter "Stimme von oben" in Gestalt eines Nina-Hagen-Todesengels. Er wird später Marquis Posa und sogar – anders als bei Verdi – Eboli töten.
Doch nach der Pause folgte der Clou: Nun ist der Bühnenkasten nach vorne gezogen, der Graben überbaut und man braucht ein paar Minuten, bis man begreift, warum das Orchester so brillant und körperhaft strahlt: Es sitzt unsichtbar hinter der durchlässigen Bespannung der Rückwand. Die große Arie des müden Königs, der darüber klagt, dass seine Frau – Elisabeth von Valois – ihn nie geliebt habe, singt und spielt Christian Tschelebiew vor den Augen und Ohren seiner Geliebten, der Prinzessin Eboli (!) fulminant. Es ist das spannende Psychogramm eines verzweifelten, immer noch enorm vitalen, keineswegs alten Mannes, das seine Fortsetzung findet in der Auseinandersetzung mit dem Großinquisitor, die mehrfach fast in körperliche Gewalt ausartet. Jetzt spitzt sich das Drama zu, jeder einzelne gerät an seinen persönlichen Abgrund, was Ludger Engels und seine Sänger mit schmerzender Präzision und einer immer wieder plötzlich ausbrechenden Brutalität zeigen. Musikalisch und szenisch überwältigend auch, wenn das von Eboli angeführte aufständische Volk aus dem Parkett Richtung Bühne stürmt, sich vor den ersten Reihen des Publikum postiert und schließlich vom Großinquisitor buchstäblich in die Knie gezwungen wird.
Der fast heldisch strahlende Tenor Ji-Woon Kim (Don Carlos) und Seung-Gi Jung mit sattem, leuchtendem Bariton (Marquis Posa) harmonieren hervorragend in ihren Duetten als ungleiches Freundespaar, auch solistisch können sie rundum überzeugen. Kerstin Deschers überschäumende Mezzo-Wut macht Eboli nicht erst in ihrer verzweifelten "O don fatale"-Arie zur leidenschaftlich Liebenden, die innerlich wie äußerlich verglüht. Sally du Randt hat in Augsburg seit Jahren alle Sopranpartien ihres Fachs – von der Lady Macbeth bis zur Butterfly – großartig gesungen. Diesmal wirkte ihre Stimme etwas verhärtet, zugleich aber singend wie spielend in der Intensität gehemmt. Dennoch verkörperte sie den Abschied vom Leben in ihrer großen Arie zu Beginn des vierten Akts angesichts des ermordeten Posa und in der Schlussszene mit Carlos ergreifend. Denn Engels zeigt, wie das eigentlich für einander bestimmte Paar in der letzten Umarmung – im Liegen gesungen – an der Realität zugrunde geht.
Getragen wird die Aufführung durch den 36-jährigen Dirk Kaftan, der das hervorragend präparierte und inspiriert spielende Orchester auf einen ebenso scharfen wie düsteren Ton eingestimmt hat, den schon die ersten Takte bei vollkommen verdunkeltem Theater ahnen lassen. Gerade im zweiten Teil erzielt das auf der Bühne sitzende Orchester eine Deutlichkeit des Klangs, der instrumentalen Farben, der intensiven Bewegungsimpulse, wie man sich das in Repertoirevorstellungen großer Häuser und auch bei mancher Premiere dort wünschen würde.  
Von außergewöhnlicher Qualität und Stimmigkeit sind nicht zuletzt die Kostüme des jungen Sebastian Ellrich. Er kleidet jeden Choristen typgerecht modern und lässt doch spanisches Hofzeremoniell in strengen Schnitten, Korsettartigem sowie der Reduzierung auf Schwarz und Weiß durchscheinen. Variationen eines tiefen Blaus und verschiedenster Stoffe bei den Hauptfiguren nutzt er ebenfalls zur subtilen Charakterisierung.
Klaus Kalchschmid
Weitere Vorstellungen am “ target=“_blank“>www.theater.augsburg.de

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