Carl Orff und Wieland Wagner

Foto: Winkler-Betzendahl/Deutsches Theatermuseum

Archetypisches Musiktheater

Eine sehenswerte Ausstellung im Münchner Orff-Zentrum widmet sich der Künstler-Freundschaft zwischen Carl Orff und dem Regisseur Wieland Wagner

Von Robert Jungwirth

(München, Mai 2017) „Ich bin der Überzeugung, dass es Ihnen mit diesem Werk gelungen ist, unsere Vorstellung vom Wesen sowohl des ‚Griechischen‘ wie des Tragischen gültig zu gestalten, gültig und deshalb bleibend“, so schrieb Wieland Wagner begeistert in einem Brief an Carl Orff, nachdem er eine Aufführung der „Antigonae“ gesehen hatte. 1951 war das. Und es verwundert nicht, dass der Enkel Richard Wagners, der in Bayreuth gerade als Regisseur an der Wiederbelebung des Werks seines Großvaters aus dem Geist des überzeitlichen Mythos arbeitete, in Orffs Adaption des griechischen Mythos eine geistige Verwandtschaft erkannte. Im Gegenzug besuchte Orff 1951 schon die ersten Bayreuther Festspiele nach Kriegsende, wo eine ehemalige Mitarbeiterin Orffs an der Günther-Schule die Choreographie der Blumenmädchen im „Parsifal“ übernahm.

Wieland Wagners „Rekurs auf die Antike, die Bezüge zu den Urformen, zur antiken griechischen Tragödie mußte ihn Carl Orff nahebringen“, schreibt der Wagner-Historiker Oswald Georg Bauer. Die besuchte Münchner Erstaufführung von Orffs „Antigonae“ wertete er als „entscheidende Begegnung“ und „Elementarereignis“. Wieland Wagner beschäftigte sich fortan intensiv mit den Werken Orffs, deren „unzeitgemäße“ Tonalität er auch öffentlich gegen Angriffe verteidigte: „Eine abstrakte, eine rein vom Intellekt her bestimmte Musik ist Orffs Sache nie gewesen. Damit hat er sich selbst ausgeschlossen aus den musikalischen Zirkeln unserer Zeit, um sich eine eigene Orffsche Welt zu bauen. Ein Komponist, der noch an die Urkraft reiner Dreiklänge glaubt, muss manchem Neuerer von heute als ein Anachronismus erscheinen. Kann die Rückbesinnung auf Überzeitliches aber jemals anachronistisch sein?“

Orff wiederum bewunderte Wieland Wagners Fähigkeiten, „Wagners archetypischem Musiktheater auf der Bühne unserer Zeit Gestalt zu geben“. Nur ein Wagner, so urteilte Orff, habe Wagner durch eine revolutionäre Tat „retten“ können – „als Revolutionär ihm urverwandt“. 1956 inszenierte Wieland Wagner Orffs „Antigonae“ an der Stuttgarter Staatsoper unter anderem mit Martha Mödl (Antigonae) und Fritz Wunderlich. Es war dies die seine erste Nicht-Wagner-Inszenierung. In „Antigonae“ habe sich „sein Inszenierungswille rein, ohne jeden Bruch, aussprechen“ können, so der Rezensent der Zeitschrift „Melos“ in seiner Rezension. „Hier zwingt kein Lohengrin-Schwan, kein Wotanspeer zu Kompromissen, hier herrscht das symbolische, ganz auf das gesungene Wort gestellte kultische Theater (…). Dass Wieland Wagner den Raum wie wenige beherrscht, ist nichts Neues. Wie hier aber die Personen einander gegenüberstanden, welche Spannungen zwischen ihnen wirkten, das war beispielhaft.“

Über die künstlerische Beziehung, ja sich entwickelnde Freundschaft zwischen dem Komponisten Carl Orff und dem Regisseur und Bühnenbildner Wieland Wagner ist heute kaum etwas bekannt. Umso erfreulicher, dass das rührige Münchner Orff-Zentrum nun mit einer kleinen, aber sehr schön gestalteten Ausstellung aus Anlass des 100. Geburtstags Wieland Wagners in diesem Jahr an diese Verbindung anhand von Briefen, Fotos und Zeitungsartikeln aus dem Nachlass von Carl Orff erinnert – Konzeption: Sabine Fröhlich und Claudia Zwenzner.

Nach der „Antigonae“ folgte 1957 die (szenische) Uraufführung von Orffs Osterspiels „“Comoedia de Christi Resurrectione“ in der Regie von Wieland Wagner – ebenfalls in Stuttgart. Danach setzte zwar ein Pause in der gemeinsamen Arbeit ein, die wohl vor allem den weitreichenden Verpflichtungen in Bayreuth, aber auch an anderen Opernhäusern geschuldet war, wo Wagner innerhalb weniger Jahre eine enorme Zahl vor allem an Wagner-Opern inszenierte. Doch waren weitere Orff-Inszenierungen, wie etwa die „Trionfi“, die „Bernauerin“ und „Ödipus“ geplant, wurden aber vom frühen Tod Wagners 1966 vereitelt. Entsprechend bestürzt war Orff über die Nachricht vom frühen Tod des künstlerischen Freundes. Auch dies dokumentiert das Orff-Zentrum – durch ein kurzes Hörbeispiel aus Orffs Trauerrede.

Es lohnt sich also, diese Künstlerfreundschaft etwas näher zu betrachten, haben doch Orff wie Wieland Wagner im jeweils Anderen ein hohes Potential für die eigene Arbeit erkannt. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wohin diese Verbindung beide noch geführt hätte.

»Carl Orff und Wieland Wagner«
Ausstellung im Orff-Zentrum München mit Originaldokumenten aus dem Nachlass von Carl Orff
Orff-Zentrum München, Kaulbachstraße 16, 80539 München
Mo – Do 9 –16 Uhr, Fr 9 –14 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertag geschlossen
Der Eintritt zur Ausstellung ist frei – zu sehen bis Montag, 31. Juli 2017

 

Foto: Winkler-Betzendahl/Deutsches Theatermuseum

Carl Orff und Wieland Wagner bei den Proben zur „Antigonae“ Foto: Winkler-Betzendahl/Deutsches Theatermuseum

 

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