Cardillac

Spannender Opernkrimi

Gold macht sinnlich. Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Paul Hindemiths "Cardillac" als Einstandspremiere der neuen Wiener Staats­operndirektion

(Wien, 17. Oktober 2010) Paul Hindemiths Oper vom Goldschmied Cardillac, der sich von seinen Werken nicht trennen kann und alle ermordet, die ihm Schmuckstücke abkaufen, hat bei Operndirektoren keinen besonders guten Ruf. Sie gilt als schwie­rig, schwer verkäuflich, als Stück, das man – am besten in der radikaleren, ungeglätteten ersten Fassung von 1926 – gezwungenermaßen spielen muß, um seinem kul­turellen Auftrag gerecht zu werden. Umso verdienstvoller – und hoffentlich von programma­tischem Belang für die Zu­kunft – ist es, wenn das neue Füh­rungs­team der Wie­ner Staatsoper – Direktor Dominique Meyer und GMD Franz Welser-Möst – gerade diese Oper als erste Premiere aufs Programm setzt. Daß das Haus damit auch noch einen umjubelten Erfolg einfährt, darf man als be­sonders gutes Omen nehmen.

Großen Anteil an diesem Überraschungscoup hat die Regie. Sie erzählt die Geschichte klar, in Stumm­­filmästhetik und vielen nicht zu übersehenden An­spielungen aufs Kino der Entstehungs­zeit. Die Gesichter sind weiß, über­schminkt, die Bewegungen choreographiert, marionettenhaft, auch an den Stellen, in denen die Musik den in der Einleitung explizit motorisch-neo­barocken Ton ablegt und – wie in der großen Szene zwischen Cardillacs Tochter und dem in sie verliebten Offizier – einen von der späten Romantik herkom­men­den, emotionalen und geradezu lyrischen Ton anschlägt. Doch gerade diese konsequent durchgehaltene Stili­sierung – die sich auch in den klaren und auf wenige Farben und Elemente reduzierten Bühnenbildern und Kostümen (von Rolf bzw. Marianne Glitten­berg) wiederfindet – verleiht der Inszenierung Zug und Kraft. Einem solchen sparsam erzählten Opernkrimi genügen ein gut be­leuchteter roter Vorhang und ein goldener Schrein, um szeni­sche Spannung zu erzeugen. Die Lieb­haber des Blutigen und Aktualisierten gehen dabei freilich murrend leer aus. Sie müssen mit überraschenden Einfällen wie der bildlichen Aufspaltung der Persönlichkeit Cardillacs in einen selbstverliebten Künstler und eine besessen morden­de Figur und ihre schließli­che Überhöhung zur golden geworde­nen Midas-Gestalt am Ende der Oper vorlieb nehmen.

Auch musikalisch ist die Opernwelt in Ordnung: Franz Welser-Möst führt das Orchester präzis durch die motorische Polyphonie, sorgt für Durchhörbar­keit, arbeitet die harmonischen Eigenhei­ten, aber auch die zarten Lyrismen der Hindemithschen Sprache klar heraus und geleitet den – musikalisch bestens disponierten, aber leider selten text­verständ­lichen – Chor sicher durchs Werk.
Juha Uusitalo verkörperte den zwiespältigen Goldschmied in beklem­mender Manier. Er ist der einzige, der sich auf der Bühne "frei" bewegen darf. Tomasz Konieczny ist ihm ein stimmlich ebenbürtiger Goldhändler, der als erster Ver­dacht schöpft. Juliane Banse und der nach langer Pause an die Staats­oper zu­rückgekehrte Herbert Lippert sind in jeder Hinsicht Idealbesetzungen für Car­dillacs Tochter und den Offizier. Ildikó Raimondi und Matthias Klink statten die kleinen Figuren der Dame und des Kavaliers, der gleich zu Beginn der Oper ermordet wird, mit großer sinnlicher Präsenz aus. Nicht nur sie beweisen, wie klangschön und "menschlich" die Musik Hindemiths allen Vorurteilen zum Trotz ist. Sie deuten zugleich auch an, welche alternativen Möglich­keiten der szeni­schen Um­setzung in dieser Oper angelegt sind.

Revolutionen finden an der Wiener Staatsoper bis auf weiteres wohl nicht statt. Aber die anvisierte Ausweitung des Repertoires hin zu mehr Aufführungen von Opern des 20. Jahrhunderts, aber auch von Werken des Barock, die angekün­digte und mit dem Orchester ausgehandelte verstärkte Pflege des Probebe­triebs, die neu definierte Stellung eines Generalmusikdirektors (eine Position, die es hier seit dem provozierten Rausschmiß Claudio Abbados zu Beginn der Ära Holender-Waechter nicht mehr gegeben hat) – all das deutet darauf hin, daß zumindest eine weitgehende Reform im Haus am Ring ins Auge gefaßt ist.

Derek Weber
                                        

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