Liederabend von Camilla Nylund

Wie wenn man ein Glas Wein gegen die Sonne hält

Camilla Nylunds begeisternder Liederabend mit dem Pianisten Helmut Deutsch in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 19. Dezember 2017) Die finnische Sopranistin Camilla Nylund ist eine eminent weibliche Erscheinung, hinter deren Schönheit sich so manche hochgejubelte Primadonna zu verstecken hat. Eine ausgesprochen mädchenhafte Ausstrahlung straft ihr lexikalisches Alter nachdrücklich Lügen. Das gilt übrigens auch für die Stimme, die funkelnd leuchtet, wie wenn man ein Glas Wein gegen die Sonne hält.

In der Sängerin sehen viele die Inkarnation der Wagnerschen Elsa, ein Unschulds-Typ, zartbesaitet, hilfsbedürftig. Gegen dieses Image geht Camilla Nylund durchaus an, gezielt oder auch nicht. Die „Fidelio“-Leonore (Berlin, Zürich) stellt man sich mit ihr zwar nicht so ohne weiteres vor, aber die weiterhin in ihrem Repertoire befindliche Salome war beim Kölner Rollendebüt 2004 nichts weniger als eine Sensation. Camilla Nylund ließ in der scheinbar so verderbten Prinzessin ein pubertäres Leidenschaftspotential von tragischen Dimensionen spürbar werden, welche moralische Fragen außer Kraft setzten. Diese Interpretation bleibt machtvoll in Erinnerung. Köln erlebte Camilla Nylund weiterhin als Elsa und „Capriccio“-Gräfin. Jüngst hat die Sopranistin an der Düsseldorfer Rhein-Oper in der Regie von Stefan Herheim die „Wozzeck“-Marie erprobt, und man war einigermaßen fassungslos darüber, wie die immer so feminin wirkende Künstlerin sich in diese Figur mit den leicht ordinären Zügen geradezu verbiss.

Nichts von solcher Drastik beim Liederabend in der Kölner Philharmonie, mit keinem Geringeren als Helmut Deutsch an ihrer Seite. Vor drei Jahren haben die beiden erstmals zusammengearbeitet. Die Lieder von Jean Sibelius dürfte sich der Pianist alle neu erarbeitet haben, denn welche Sänger, außer skandinavischen, haben sie und anderes Nordisches schon im Repertoire? Das stark abgedunkelte Auditorium verunmöglichte leider das Mitlesen der Texte, so dass sich die nicht „vorgebildeten“ Zuhörer ganz auf die Wirkung der Musik einlassen mussten, deren unschwer nachzuvollziehende Emotionalität freilich auch für sich genommen große Wirkung macht. Viele Texte sind übrigens auf Schwedisch vertont, was mit der nationalen Entwicklung Finnlands zusammenhängt. Sibelius selber wuchs in dieser Sprache auf, lernte das Finnische erst auf der Schule. Aber Nationalbewusstsein brach sich in seinen Kompositionen unmissverständlich Bahn. Nicht von ungefähr gilt „Finlandia“ als heimliche Nationalhymne.

Camilla Nylund adelte die Sibelius-Gesänge, darunter das „Arioso“ des oft vertonten Johan Ludvig Runeberg, mit sanft strömenden Melodiebögen und fein abgestufter Dynamik. Der Aufschrei in „Die Echo-Elfe“ war ein einsamer dramatischer Akzent. Nach diesem Abend würde man Lieder von Sibelius und anderer Skandinavier gerne häufiger dargeboten bekommen.

In das spätromantische Idiom des Konzertes passten sich die Lieder von Gustav Mahler und Richard Strauss nahtlos ein. Gleich bei „Wo die schönen Trompeten blasen“ bezauberte Helmut Deutsch mit seinem klangreichen Klavierspiel, das die Orchesterfassungen nur von ferne vermissen ließ. Camilla Nylund gelang eine suggestive, geradezu beklemmende Darstellung der Trauer eines Mädchens, das von ihrem Liebsten, welcher in den Krieg zieht, Abschied nimmt. Während sie das sonst einem Mezzo vorbehaltene „Urlicht“ mit großer Innerlichkeit ihrer hochgelagerten Stimme anzupassen wusste, mochte man in „Das irdische Leben“ die Schmerzsituation (ein Kind verhungert) vokal vielleicht nicht zur Gänze verwirklicht empfinden, wie ihr im zweiten Konzertteil mit Werken von Strauss dem Schluss von „Heimliche Aufforderung“ ein wirkliches Grandeur-Volumen abging (anders als bei „Ich liebe dich“). Die verinnerlichte Stimmung von „Freundliche Vision“ hingegen wurde bei Camilla Nylund zum Ereignis. Irgendwie bleibt sie halt doch eine genuine Piano-Sängerin, der Titel des Liedes geriet zum vokalen Adelsprädikat.

Zum Schluss gab es die unsagbar schönen „Vier letzten Lieder“ zu hören, die man eigentlich nur mit Orchesterbegleitung kennt. Es war die Kunst von Helmut Deutsch, auch die Klavierversion (von wem stammt sie eigentlich?) adäquat wirken zu lassen, vor allem beim einleitenden „Frühling“. Das schwärmerische Geigensolo in „Beim Schlafengehen“ vermochte freilich selbst sein hochsensibler Anschlag nicht zu ersetzen. Camilla Nylund fand bei den (ursprünglich nicht als Zyklus konzipierten) Liedern zu einer herzergreifenden lyrischen Inbrunst. Ihre Pianissimi bei „Im Abendrot“ hatten sogar fast etwas Überirdisches. Drei Zugaben nach reichem Beifall.

Von Camilla Nylund gibt es zwei Konzertmitschnitte der originalen Fassung der „Vier letzten Lieder“ auf Youtube, einen aus Warschau 2015 (Dirigent: Jacek Kasprzyk) sowie ein Jahr später einen mit den Berliner Philharmonikern (Dirigent: Gianandrea Noseda).

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