Cameron Carpenter

An der Gothic-Orgel

Cameron Carpenter Foto: Thomas Grube

Cameron Carpenters Konzert in der Kölner Philharmonie hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 22. Dezember 2016) Blick in die Runde in der Philharmonie: Nein, kein Publikum von dezidiertem Arena-Zuschnitt, es gab wie üblich auch viel Silberhaar zu sehen. Über Cameron Carpenter, den schrillen Typen der internationalen Orgelszene, wissen offenkundig auch die Älteren Bescheid. Mit seinem Programm (Bach, Carpenter) bot er nichts eigentlich aus dem Rahmen Fallendes, aber doch Individuelles. Die Serie „Orgel plus“ in der Kölner Philharmonie ist keine zopfige Veranstaltungsreihe. Bei Iveta Apkalna im September gab es u.a. Philip Glass und Thierry Escaich zu hören, im November ließ sich Hermann Kretzschmar mit dem Ensemble Modern ausschließlich auf zeitgenössische Werke ein. Mikko Helenius wird im März mit „Ultra Organ“ sogar ein für Köln geschriebenes Uraufführungs-Werk bieten, wo Sound- und Lichtdesign eine Rolle spielen.
Das schlägt eine Brücke zum jetzigen Carpenter-Auftritt. Auf dem dunkel gehaltenen Podium standen riesige Lautsprecher und anderes technisches Equipment, angestrahlt in dunklem Rot und Blau: eine geheimnisvolle, nebulöse Szene. Und vorne, in strahlendes Licht getaucht, die Königin der Instrumente, ach was: die Superkönigin der Instrumente, nämlich die nach Carpenters Ideen konstruierte International Touring Organ, tiefschwarz, ein Gothic-Instrument, aus welchem nur die hellen Tastaturen hervorleuchten.
Ähnlich wie bei dem Pianisten Krystian Zimerman (s. Konzertrezension 1.12.), der gegenüber den ihm in den Konzertsälen angebotenen Flügeln immer skeptischer wird, so dass er meist mit eigenem Instrument verreist, ist Cameron Carpenters Verhältnis zu traditionellen Orgeln ein gespaltenes. Das hat natürlich auch mit seiner Herangehensweise an das einschlägige Repertoire zu tun. So bietet er immer wieder gerne Eigentranskriptionen, zu denen sogar  Gustav Mahlers 5. Sinfonie gehört, von der bislang allerdings nur der Finalsatz öffentlich geboten wurde. Bach, von dem Carpenter mit elf Jahren das komplette „Wohltemperierte Klavier“ aufführte, bleibt zwar weiterhin Orientierungsfigur, aber er integriert in seine Programme auch Werke aus dem Popbereich. Das traditionelle Bild des eher weihevollen Organisten hat Carpenter, der sich beim Outfit Klaus Kinskis Nosferatu anzunähern gewillt scheint, völlig auf den Kopf gestellt. Bei aller Wertschätzung für einen Helmut Walcha oder eine Marie-Claire Alain hat er sich zu einem unorthodoxen Musiker entwickelt, von den Prinzipien der historischen Aufführungspraxis um Lichtjahre entfernt.
Für Carpenter ist  die Interpretation qualitativ gleichbedeutend mit einer Komposition, ein Originalmanuskript ist für ihn niemals unantastbar oder gar geheiligt. Seine geliebte Orgel möchte er entweihräuchern, stellt ihre sakrale Unantastbarkeit infrage, versteht sie sogar als „heidnisches Instrument“, wie er es mal in einem Interview ausdrückte. So freundlich zurückhaltend Cameron Carpenter auch wirkt (wirken kann), seine Auftritte haben stets etwas von einer glamourösen Show. In Köln war sein Erscheinungsbild allerdings relativ gebändigt: ganzköperbedeckender schwarzer Hosenanzug mit etwas Glitzeranteil, die sonst häufig zur Schau getragene Irokesenfrisur brav herunter geschnitten. Ein Markenzeichen waren aber erneut die Schuhe mit rückwärtigem Strass-Besatz. Den Beifall nahm Carpenter mit dienerhafter Zurückhaltung entgegen, wirkte in seiner Gebetshaltung fast wie ein buddhistischer Mönch.
Carpenter hob sich seine Spezialorgel für die Finale der beiden Konzerthälften auf, spielte Bach  (Sonate BWV 525, Französische Suite BWV 816, Passacaglia und Fuge BWV 582, Präludien mit Fuge BWV 536 und 543) auf der hauseigenen Klais-Orgel. Eine seltsame Entscheidung mit zudem fatalen Folgen. Bei sonstigen Orgelabenden in Kölns Philharmonie steht der Spieltisch, durch Kabel mit dem Pfeifenwerk verbunden, stets mittig auf dem Podium – aber dieser Platz war ja nun besetzt mit Carpenters schwarzer Madonna. Eine Seitenpositionierung wie vor kurzem beim Gürzenich-Konzert, wo Daniel Roth den Orgelpart in der 3. Sinfonie von Camille Saint-Saens übernahm (Sohn Francois-Xavier, Chef des Orchesters, dirigierte) kam wegen den technischen Aufbauten nicht infrage. Also stieg Cameron Carpenter auf das hinter den Orgelpfeifen versteckte, hoch gelagerte Podium, wo man seiner gerade mal schemenhaft angesichtig wurde. Die Bach-Stücke spielte Carpenter im Original, nur die Französische Suite war von ihm leicht bearbeitet.
Die Widergaben gerieten, wie bereits angedeutet, fragwürdig, höchst fragwürdig. Bei einem so fingerversierten Spiel wie dem von Carpenter (viel Beweismaterial auf Youtube) darf man eigentlich von manueller Treffsicherheit ausgehen, aber das Ganze hörte sich manchmal an, als stolpere jemand durch einen Steinbruch von Tönen, was besonders die einleitende Sonate suggerierte. Zweifellos trug die extravagante Registrierung (vor allem im Adagio extrem tiefer Bass kontra säuselnde Soprannoten) zu diesem Eindruck bei. Hinzu kamen teilweise exorbitante Geräusche bei der Pedalbedienung.
Für größere Soloaufgaben wird der fest eingebaute Spieltisch so gut wie nie benutzt, so kann nicht verbindlich entschieden werden, ob die Mechanik unzureichend (geworden) ist. Bei der mobilen Version ist das Problem aber noch nie aufgetreten. Dass Cameron Carpenter auf diese negativen Gegebenheiten im Vorfeld nicht reagierte, wirkt seltsam, wird ihm doch nachgesagt, dass er seine Programm u.U. kurzfristig umstellt, wenn das vorgefundene Instrument seinen Ansprüche  nicht gerecht wird.
Beim Wechsel zu seinem digital verlässlichen Instrument war die musikalische Welt aber jeweils in Ordnung. Schon bei BWV 582 klang die (unbearbeitete) Musik gefestigter und in den Farben entschieden glanzvoller. Diese Wirkung verstärkte sich bei der „Improvisierten Sinfonie über Weihnachtslieder“ aus der Feder Carpenters. Und hier ließ der Organist seinem Temperament entsprechend wirklich Stürme lostosen, die Orgelpfeifen aufheulen, imitierte säuselig-gefühlige Celestatöne und interpolierte feierlich heftige Glockenschläge in die Musik. Die manuelle Sicherheit, das immer wieder besonders gerühmte Spiel mit den Füßen (Carpenter genoss eine klassische Tanzausbildung sicher nicht zu seinem Schaden) wurde jetzt erlebbar. Die Musik (melodiös erkennbar waren „In dulci jubilo“ und „O du fröhliche“) führte zu einem irrwitzigen Tastenrausch, gewürzt mit humoristischen Trillerpassagen.



Münchner Philharmoniker


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