Butterfly Scala

Spiel mir das Lied vom Tod des japanischen Mädchens, das aus verschmähter Liebe stirbt

Foto: Teatro alla Scala

Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" in der Urfassung an der Mailänder Scala, bieder inszeniert von Alvis Hermanis, markant dirigiert von Riccardo Chailly
Von Derek Weber
(Mailand, 7. Dezember 2016) Die inhaltliche Vorgabe könnte düsterer nicht sein. Bei dieser Oper denkt man sofort an den "Clash of civilizations": Ein amerikanisches Kriegsschiff schießt – im 19. Jahrhundert – den USA den Weg zum Handel mit Japan frei. Und ebenso überheblich nimmt sich Herr Pinkerton eine Japanerin zur Frau. Das Fremde, das Exotische zieht ihn an. Mehr ist es wohl nicht gewesen, denn ernste Absichten in Sachen Liebe kann man bei ihm nicht erkennen. Die sind für die amerikanische Frau reserviert, die der Bigamist wenig später heiratet und die am Ende der Oper vor Cio-Cio-Sans Haus steht und den kleinen Jungen, die Frucht der amerikanisch-japanischen Liaison, mit in den Westen nehmen will.
Was hätte das für ein Dramenstoff werden können! Eine Anklage gegen den "Yankee-Imperialismus", ja gegen die weißen Weltherrschaft überhaupt. Aber so weit wollten Puccini und seine Librettisten nicht gehen. Sie waren – ebenso wie die, die die Vorlage lieferten – am Schicksal der Asiatin interessiert. Puccini sah das Theaterstück in London und war sofort entflammt: Leidenden Frauen ein musikalisches Denkmal zu setzen, das interessierte ihn. "Madame Butterfly" ist jene Oper, in der dieses Leiden bis zur Unerträglichkeit gesteigert ist. Nirgendwo sonst fließen am Ende mehr Zuschauer-Tränen.
Und Riccardy Chailly wäre nicht Riccardo Chailly, ließe er sich nicht für die Mailänder Scala besondere Novitäten einfallen. So wie er in der letzten Saison Puccinis "Turandot" mit dem nachkomponierten Schluss von Luciano Berio zur Aufführung brachte, so hat er heuer zur inaugurazione vom 7. Dezember nicht auf die in aller Welt gespielte zweite, dreiaktige Fassung der "Madame Butterfly" zurückgegriffen, sondern die rekonstruierte zweiaktige Urfassung zur Grundlage genommen, an deren letztem Schliff er selbst mitgewirkt hat.
Diese Urfassung – so wie sie am 17. Februar 1904 in der Mailänder Scala gespielt wurde – hatte nur zwei Akte, weil der Komponist nicht wollte, dass die tödliche tragedia giapponese, als die sie im Libretto bezeichnet wird,  durch eine Pause zwischen einem 2. und 3. Akt unterbrochen wird. Puccini hat den zweiten Akt vielmehr in zwei Bilder geteilt, die durch Interludien und gesummte Chorpassagen miteinander verbunden sind. Das hat etwas für sich, auch wenn die Opernpraktiker schon 1904 befanden, dass ein letzter Akt nicht so unendlich lang sein dürfe.
Die Länge ändert das Gleichgewicht beträchtlich: Der 1. Akt wird so eigentlich zu einem Vorspiel, das die Vorgeschichte der Handlung  zeigt und von einem weit ausladenden 2. Akt mit langen orchestralen und chorischen Interludien gefolgt wird. Das war natürlich ganz gegen die Tradition, und der Misserfolg der Mailänder Aufführung veranlasste dementsprechend den Komponisten dazu, den Akt zu teilen. Nur drei Monate nach der Uraufführung fand die Premiere der zweiten Fassung in Brescia statt, die heute (fast) überall in der Welt gespielt wird.
In der ursprünglichen Version ist die Figur der Suzuki aufgewertet. Nicht vorhanden ist dafür die Arie des Pinkerton am Schluss der dreiaktigen Fassung ("Addio fiorito asil"). Recht geschieht dem unsympathischen Feigling!
Soweit zur Fassungsgeschichte. Die Zeit- und Sozialgeschichte hält anderes bereit: Üblicherweise ist Mailand um den 7./8. Dezember hoffnungslos überfüllt; Straßen und Gehsteige sind verstopft. Dieses Jahr aber ging es geradezu entspannt zu. Selbst die unmittelbare Umgebung des Teatro alla Scala wirkte geleert, was allerdings auch mit einer perfektionierten Strategie der weiträumigen Absperrung zu tun hatte. Zu sehen waren nur die Cordons der Polizisten, deren Aussehen (mit um die Hüften baumelnden Tränengasmasken) martialischer wirkte als die zur Freundlichkeit trainierten Polizeimenschen selbst.
Drinnen im Theater verlas ein nervöser Intendant eine Botschaft des Staatspräsidenten, in welcher dieser sich für sein Nichterscheinen bei der Inaugurazione angesichts der politischen Lage nach dem Abstimmungs-"Nein" zur politischen Reform und dem angekündigten Rücktritt des Regierungschefs entschuldigte. (Normalerweise werden an der Scala vor dem Bühnenvorhang Erklärungen der Gewerkschaften verlesen, aus denen man erfährt, warum trotz diverser sozialer Konflikte nicht gestreikt wird.)
Heuer wirkte das richtig improvisiert: In der festlich geschmückten, vorerst aber leeren Präsidentenloge saßen dann aber doch Leute. Wer sie waren, erfuhr man nicht. Doch dann ein plötzlicher Stimmungswechsel: Das Licht im Saal änderte sich, der Dirigent ließ den Inno di Mameli, die italienische Hymne, ins Leere spielen, zuerst ein bisschen feierlich-verlangsamt, dann in leichtem Trab, doch insgesamt ohne jenes hurtige Feuer, das man sich bei dieser Hymne erwarten würde.
Doch mit den ersten Takten von "Madame Butterfly" kippte die Stimmung. Die Musiker legten richtig los. Chailly, der für die nächsten Jahre eine Rückbesinnung der Scala auf Puccini angekündigt hatte, legte die Musik des zu Unrecht als Kitsch-Komponist verunglimpften Musikers kantiger an, als das meist der Fall ist.
Er zelebriert Puccinis Musik im besten Sinn des Wortes: detailgenau, spannungsvoll und mit all den Schroffheiten, die sich andere Dirigenten nicht erlauben, die Puccini für einen verkappten Operettenkomponisten halten. Umso stärker ist die Wirkung, die der Schluss der Oper entfaltet. Und das, was sich sonst nur im Konzertsaal ereignet – dass sich der Applaus erst mit Verzögerung einstellt -, ergab sich im Mailänder Opernhaus ganz von selbst.
Die hysterischen Bravorufer hielten sich zurück und auch der Applaus für die Sänger wirkte geradezu diszipliniert, verlagerte sich vom Akustischen aufs Blümchenwerfen. Überhaupt hat man den Eindruck, dass Chailly sich seine Bravos durch die Leistung am jeweiligen Abend "verdienen" muss und sich nicht auf eine eingeschworene blindgläubige Gemeinde verlässt.
Von den Sängern der Premiere lässt sich nur Gutes berichten. Maria José Siri überzeugte als berührende Cio-Cio-San, ebenso Annalisa Stroppa als die in der Erstfassung der Oper als Figur aufgewertete Suzuki; und Carlos Álvarez sang den Sharpless mit nobler Distinktion. Von Rollen der zweiten Kategorie sei Nicole Brandolino als Kate Pinkerton herausgehoben. Nur der Sänger des Pinkerton, Bryan Hymel, verfing sich ein wenig im Monochromen.
Alvis Hermanis setzte in Regie und Bühnenbild (das er zusammen mit Leila Fteita entworfen hat) auf Anleihen bei der japanischen Hausarchitektur und auf den vielfältigen Einsatz vergrößerter Holzschnitt-Projektionen. Nicht immer überzeugte seine oft drei Stockwerke umfassende Bühne. Hier wollte er vielleicht zu viel auf einmal zeigen. Der 1. Akt litt zudem an einer Überfüllung mit Personal, was die Fokussierung der Aufmerksamkeit nicht unbedingt erleichterte. Dieses Manko machte er aber mit konziser Personenführung im 2. Akt wieder gut, wo sich dann auch eine stimmungsvolle fernöstlich-exotische Atmosphäre einstellen konnte. Insgesamt überwog das folkloristische Element. Es ersetzte den clash of civilizations, der doch in dieser Oper als Hintergrund ziemlich lebendig ist.     



Münchner Philharmoniker


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