Brokeback Mountain

Opernkritik: Brokeback Mountain

Keine romantischen Männer-Duette

Mark Omvlee, Christian Tschelebiew Foto: Wil van Iersel

Aachen präsentiert die deutsche Erstaufführung der Oper "Brokeback Mountain" von Charles Wuorinen
Von Christoph Zimmermann

(Aachen, 7. November 2014) Homosexualität ist längst kein Tabuthema mehr, allerdings immer noch von Vorurteilen belastet. Als 2005 Ang Lee den Film „Brokeback Mountain“ drehte, gab es natürlich längst eine Fülle von Streifen, welche sich diesem Sujet in unterschiedlicher Weise zuwandten. Genannt seien nur „Maurice“ von James Ivory und „Coming out“ von Heiner Carow. Durch „Brokeback Mountain“ mit seiner Liebesgeschichte zwischen zwei Cowboys wurde freilich eine Bastion von besonderer Männlichkeit thematisiert, und so gab es Proteste in den USA, bei einer Fernsehausstrahlung in Italien sogar Bildzensur. Dennoch war der Film außerordentlich erfolgreich, auch finanziell. Inzwischen ist aus ihm eine Oper geworden, komponiert von dem sich inzwischen den Achtzigern nähernden Charles Wuorinen.

Das Musiktheater ist von dem Thema Männerliebe auch vorher nicht ganz unberührt geblieben. Wirklich offen und offensiv ging freilich erst das 20. Jahrhundert mit ihm um. Bei dem bekennend homosexuellen Hans Werner Henze muss man sich freilich noch sehr auf Mutmaßungen verlassen. Auch Benjamin Britten, dessen Lebensgemeinschaft mit Peter Pears durchaus kein Versteckspiel war, wagte sich in seinen Werken erst über Andeutungen („Turn of he Screw“) zu einem offenen Bekenntnis seiner Gefühle vor („Death in Venice“). Mitunter haben Regisseure nachgeholfen.

Vor Jahren inszenierte John Dew in Bielefeld bei „Fennimore und Gerda“ (Frederick Delius) nicht die Liebe zweier Männer zu einer Frau, sondern die unterdrückte zwischen ihnen selber. In Bonn wiederum ließ Hans Hollmann bei Karol Szymanowkis „Krol Roger“ die Titelfigur sich ihrer verdrängten Leidenschaft zu einem Jugendfreund eingestehen, eine Deutung, die sich auf die Homosexualität des Komponisten berufen konnte. Bei Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ wäre eine ähnliche Interpretation vorstellbar.

Die Entstehung von Wuorinens „Brokeback Mountain“ verdankt sich dem umtriebigen Theaterleiter Gérard Mortier, der in diesem Jahr gestorben ist. An der für die Uraufführung zunächst vorgesehen New York City Opera war das von ihm in Auftrag gegebene Werk nicht zu realisieren, es kam erst in Madrid (Januar 2014) dazu, Mortiers letzter Intendanten-Station. Aachen sicherte sich schnell die Rechte für die Deutsche Erstaufführung, die jetzt – heftig akklamiert – ihre Premiere erlebte.

Die Schriftstellerin Annie Proulx hat ihre Kurzgeschichte über die plötzlich aufflammende Liebe zwischen den Cowboys Ennis und Jack selber zum Opernlibretto umgeformt. Dabei will es scheinen, dass in ihm reflexive Elemente noch stärker Platz greifen als in der insgesamt doch sehr realistischen Kinoarbeit. Entbehrlich erscheint freilich die hinzugefügte Szene, in der Alma, Ennis‘ Frau, ein Hochzeitskleid kauf sowie ein späterer Chorauftritt. Zunächst beginnt die Beziehung zwischen den beiden Männern mit einer ziemlich ruppigen Sexszene, bei der sich die Aachener Inszenierung von Ludger Engels durchaus nicht zurück hält. Doch dann entwickelt sich eine große Zärtlichkeit, die wahrhaft „in die Tiefe des Herzens“ dringt. Am Schluss bekennt sich Ennis zu seinen Gefühlen, die er bisher im Zaum gehalten hatte, mit voller melodramatischer Wucht. Das wirkt, wie anderes zuvor, schon mal etwas plakativ. Andererseits wusste Wuorinen, wo Zurückhaltung angebracht war: „Es wäre verheerend gewesen, hätte ich eine folkloristisch Musikfarbe gewählt. Das Ganze …ist eine universale Geschichte. Wie fast immer in der Oper geht es um die Unmöglichkeit einer Liebe, einen unlösbaren Konflikt. Das kann zu allen Zeiten, an allen Orten geschehen.“

Mit der Musik Wuorinens tut man sich dennoch nicht leicht. Sie wirkt kantig, zerfetzt, nicht selten brachial. Das ließe sich durch die emotionale Zerrissenheit von Ennis und Jack begründen. Doch aus der eruptiven Partitur, die dem Dirigenten Kazem Abdullah eigentlich nur exakte Koordination abverlangt und kaum interpretatorische Individualität gönnt, schälen sich nur wenige dramatische Situationen heraus. Hier ein Trompetenschrei, dort wilde Paukenschläge, selten Andeutungen von Melos. Sicher sind keine romantischen Männer-Duette wie in Verdis „Forza del destino“ oder Bizets „Pêcheurs de perles“ zu verlangen, aber Wuorinens musikalische Steinbrucharbeit lässt auf Dauer unbefriedigt. Ob der Jubel des Publikums nicht vorrangig den Leistungen auf der Bühne galt?

Die Inszenierung von Engels läuft handwerklich sauber ab. Rasche Bildwechsel werden per Drehbühne ermöglicht. Christin Vahl stellt eine Hausarchitektur in ihre Mitte, welche sich umstandslos vom einem Bergzelt zur Familienwohnung wandelt. Es wird nicht versucht, per Film oder Video Landschaftsbilder zu imaginieren, da würde die Bühne gegenüber der Leinwand eindeutig den Kürzeren ziehen. Konflikte spielen sich hauptsächlich innerhalb eines biederen Kleinstadtlebens ab. Der Brokeback Mountain ist gleichwohl ständig gegenwärtig durch eine Art Felsenplastik auf dem Dach des Hauses, deren gleißendes Weiß man durchaus als tiefenpsychologisch gemeint empfinden mag. Dieses Bild ergibt gleichzeitig eine leichte Distanzierung zu dem emotionalen Aufgewühltsein der Protagonisten. Des Gogo-Girls, welches immer wieder mit dummem Grinsen und gelegentlich mit einer Tafel, auf der ironisierend „Home sweet home“ zu lesen ist, über die Bühne stakst, hätte es kaum bedurft.

Es gibt in der Oper eine Reihe von Nebenrollen, die in Aachen aus dem Chor angemessen besetzt sind. Stärkeres Profil gewinnen die Ehefrauen. Alma (zu Ennis gehörig) eignet eine leichte Hysterie, die von Antonia Bourvé stimmlich gut eingefangen wird, während Lureen stärker in sich ruht. Sie bekommt die „andere“ Welt ihres Mannes auch weniger mit. Polina Artsis‘ weich strömender Sopran passt hierzu bestens. Als Schafherdenbesitzer Aguirre hat Pawel Lawreszuk zwei markante Auftritte.

Für das Liebespaar stehen in Aachen zwei ungemein starke Sängerdarsteller zur Verfügung. Der Niederländer Mark Omvlee ist mit seinem hellen Tenor als Jack der Ungestümere, während der zurückhaltende Ennis spüren lässt (dem Bassisten Christian Tschelebiew gelingt das beklemmend), dass er eine Art Trauma mit sich herum trägt. Als Junge wurde er von seinem Vater zur Leiche eines gelynchten Schwulen geführt, als Abschreckung „für alle Fälle“. Dieses Erlebnis problematisiert für ihn die Nähe zu Jack. Erst in der monologischen Schlussszene wächst er über sich hinaus. Aber da ist Jack bereits tot. Als letzte Erinnerung an den Freund bleibt Ennis ein Hemd, dessen Blutflecken von einer handgreiflichen Auseinandersetzung zu Beginn ihrer Beziehung herrühren. Jacks Mutter (sehr sympathisch: Ceri Williams) überlässt es ihm.

Bei den beiden Bühnendarstellern imponiert, dass während der Aufführung auch nicht die geringste Peinlichkeit aufkommt. Immerhin ist es eine beachtliche Leistung, sich in eine (vermutlich) fremde erotische Gefühlswelt hinein zu versetzen und diese in hellem Rampenlicht mit gebotener Expressivität einem Live-Publikum nahe zu bringen. Dieses zeigte sich denn auch, wie bereits erwähnt, aufs Höchste beeindruckt.

Weitere Opern- und Konzertkritiken auf KlassikInfo >

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.