Brittens Sommernachtstraum in Wien

If music be the food of love, play on!

Die Wiener Staatsoper eröffnet die neue Saison charmant mit Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s dream“

Von Christian Gohlke

(Wien, 5. Oktober 2019) Bereits zwei Jahre nach ihrer Uraufführung in der Jubilee Hall von Aldenburgh hatte Benjamin Brittens Oper „A Midsummer Night’s dream“ an der Wiener Staatsoper Premiere. Das war 1962. Fünfzehn Mal wurde das Stück damals gegeben, dann verschwand es wieder vom Spielplan. Siebenundfünfzig Jahre später kehrt es zurück auf die große Opernbühne im Haus am Ring und eröffnet die neue und zugleich letzte Spielzeit unter der Direktion von Dominique Meyer.

Benjamin Britten und sein Freund Peter Pears, der in der Uraufführung die kleine Rolle des Flute gesungen hat, hielten sich in ihrem gemeinsam eingerichteten Libretto eng an Shakespeares Text, den sie kürzten. Dabei ist es durchaus überraschend, dass die beiden Künstlerfreunde nicht so sehr die Abgründe, Verletzungen und Verwirrungen zwischen den vier Liebenden in den Fokus ihrer Fassung gestellt haben, sondern eher die märchenhaften und komischen Elemente des Dramas. So durchgeistern die Feen und Puck immer wieder die Handlung, die wie bei Shakespeare mit einer verhältnismäßig breit angelegten Aufführung der verballhornten Fassung von Pyramus und Thisbe durch die ungeschlachten Handwerker endet.

Irina Brook, Tochter von Peter Brook, der mit seiner längst zur Legende gewordenen „Sommernachtstraum“-Inszenierung von 1970 in die Theatergeschichte eingegangen ist, folgt dieser Anlage des Stücks und akzentuiert in ihrer Inszenierung vor allem die unterhaltsamen und leichten Facetten, die sie gekonnt in Szene setzt. Die ganze Handlung spielt bei ihr nicht im leeren weißen Raum wie einst bei ihrem Vater, sondern im Innenhof eines verfallenen Schlosses, dessen morsches Gemäuer bereits wieder von allerlei Pflanzenwerk überwuchert zu werden beginnt (Bühne: Noëlle Ginefri-Corbel). In diesem stimmungsvollen Einheitsraum, der als Metapher dafür gelesen werden kann, dass die Kultur vom Vegetativen immer wieder eingeholt und überwachsen wird, werden die drei Handlungsebenen (Feensphäre, Adelswelt und Handwerkermilieu) durch die phantasievollen Kostüme von Magali Carstellan optisch klar voneinander abgegrenzt: Schwärzlich schimmernde Gewänder, zum Teil mit Federkragen, für die Elfen, lange fließende Kleider und Umhänge für die Herrscher und Latzhosen oder Blaumänner für die Handwerker.

Benjamin Britten hat in seiner in nur sieben Monaten entstandenen Partitur diese drei Handlungsstränge mit jeweils ganz eigenen Klangfarben charakterisiert. Cembalo, Celesta, Harfen und Xylophon entrücken die Feenwelt von aller Erdenschwere, süße Streicherkantilenen künden vom Glück der Liebe, rhythmische Zuspitzungen in den Holzbläsern illustrieren den Streit und so weiter. Hier hätte man sich von Simone Young eine noch präzisere Ausarbeitung dieser spezifischen Klangsprachen gewünscht, mehr Süße und größere Schärfe gleichsam. Dennoch, Simone Young leitet sicher durch den Abend, und das Orchester der Wiener Staatsoper musiziert farbenreich, präzise und agil unter ihrer Leitung.

Offenkundig wurde diese Premiere szenisch wie musikalisch sorgfältig einstudiert. Irina Brooks Regie überzeugt nicht zuletzt mit einer gekonnten, wenn auch nicht überraschenden oder besonders tiefsinnigen Personenführung. Davon profitiert nicht zuletzt Peter Rose als Bottom als Zentrum der kunstbeflissenen Handwerker. Ob als Esel mit einer immer wieder ins wiehernde entgleitenden Stimme oder als martialischer Pyramus mit aus einem Toilettendeckel gebasteltem Schild, immer agiert Peter Rose mit komödiantischem Talent und kernigem Bass. Lawrence Zazzo mit klarem Countertenor ohne Schärfen und Erin Morley mit leichtem, ein wenig soubrettenhaftem Sopran stehen als Elfenpaar Oberon und Tytania stimmig dem mit schwereren Stimmen besetzten weltlichen Herrscherpaar Theseus (Peter Kellner mit angenehm timbriertem Bariton) und Hippolyta (Szilvia Vörös mit klarem Mezzo) gegenüber.

Glücklich war auch die Besetzung der vier Liebenden mit jungen Ensemblemitgliedern des Hauses, die, gekleidet in grün karierte Schuluniformen, mit sichtbarer Spielfreude bei der Sache waren: Josh Lovell (Lysander), Valentina Naforniță (Helena), Rafael Fingerlos (Demetrius), Rachel Frenkel (Hermia). Doch wie es sich für einen „Sommernachtstraum“ gehört, ist auch jetzt in Wien Puck die eigentliche Hauptrolle. Théo Touvet spielt ihn mit grünlicher Wuschelfrisur und knapper Blätterbekleidung so flink, agil und gewitzt und vor allem mit so großartigem akrobatischem Schwung, dass die von Britten als Sprechrolle gestaltete Partie bei ihm zum Zentrum der Aufführung wird, die das Publikum mit mehr als nur „gewognen Händen“ beklatscht. So heißt es in Pucks berühmtem Epilog bei Shakespeare, den Touvet, sich im Parkett der Staatsoper unters Publikum mischend, am Ende zitiert.
Ein zwar nicht gerade tiefschürfender, aber ein heiterer, ein leichter und poetischer „Sommernachtstraum“ in Wien. Das Richtige für graue Herbsttage.

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