Breslik und Katz mit Winterreise in Hohenems

Permanente Selbstzerfleischung

Pavol Breslik und Amir Katz mit einer intensiven „Winterreise“ bei der Schubertiade

Von Klaus Kalchschmid

(Hohenems, 6. September 2018) Am Anfang steht die reife Erkenntnis, „die Liebe liebt das Wandern, von einem zu dem andern, Gott hat sie so gemacht“; am Ende hören wird von der befremdlichen Symbiose des Wanderers mit einem alten Leiermann, der mit seinen Liedern vielleicht mal wieder seinen „immer leeren“ Almosen-Teller gefüllt bekommt. Dazwischen wütet ein sentimentaler Berseker, der sich, geradezu krankhaft in seinem Liebes- und Weltschmerz, in Selbstmitleid immer wieder an den Rand des Lebens fantasiert. Anders als der junge Müllersbursche in „Die schöne Müllerin“, der seine todtraurige Geschichte erzählt, folgen die Stationen des Winterwanderers keiner Chronologie, keiner Klimax und kreisen pathologisch in einer permanenten Selbstzerfleischung um sich selbst.

Wäre da nicht die Musik, der Gesang, man erlebte das lyrische Ich als ein ganz und gar Unsympathisches. Doch Franz Schubert hält den oft vielleicht nur eitel behaupteten Schmerz in jeder Phrase für aufrichtig und nimmt diesen Mann, der nicht anders kann, emotional in Schutz, indem er tief in den Text hineinhorcht und ihn melodisch berückend mit den verschiedensten innigen Emotionen versieht, wie sich das Wilhelm Müller – im Programmheft zitiert – gewünscht hat: „Ich kann weder spielen noch singen und wenn ich dichte, so sing‘ ich doch auch und spiele auch. Wenn ich die Weisen von mir geben könnte, so würden meine Lieder besser gefallen als jetzt. Aber, getrost, es kann sich ja eine gleichgestimmte Seele finden, die die Weise aus den Worten heraushorcht und sie mir zurückgibt.“

Nach Brüssel und Berlin widmet sich Pavol Breslik nun – wieder an der Seite von Amir Katz am Flügel – bei der Schubertiade in Hohenems mit enormer Einfühlung, emotionaler Intelligenz wie Intensität den 24 „schauerlichen Liedern“ (Schubert) an. Der intime Markus-Sittikus-Saal, bei dem Stimme und Flügel enorm warm und präsent klingen können, ist der ideale Ort dafür und auch für die CD-Einspielung, die rund um das Konzert für das Label Orfeo entsteht, bei der das Duo Breslik/Katz auch schon eine feine „Müllerin“ herausgebracht hat.

Die beiden beginnen das erste Lied („Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“) mit einer Ruhe, Ernsthaftigkeit und Lauterkeit, dass sofort die Ohren gespitzt und die Herzen weit geöffnet werden. Mit jedem Lied, das folgt, träumt sich Breslik mal resigniert, mal wütend zurück in längst vergangene Zeiten und reißt sich die Wunde einer vergeblichen Liebe immer wieder neu auf. Der slowakische Tenor findet dafür differenzierte Zwischentöne und dynamische Schattierungen, phrasiert stets wunderbar und verblüfft mit einer sonoren Mittellage und Tiefe, ohne dass man Glanz und Schmelz in der Höhe vermissen würde. Amir Katz hielt sich an einem weich und warm intonierten Steinway nobel im Hintergrund, gestaltete zwar souverän mit, übernahm aber selten den Impuls. Umso schöner gelang ihm manch‘ still ersterbendes Nachspiel.


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