Die Vögel von Braunfels bei den Festspielen Erl

Sind Vögel die besseren Menschen?

Die Tiroler Festspiele Erl zeigen Walter Braunfels Oper „Die Vögel“ unter der musikalischen Leitung von Lothar Zagrosek

Von Robert Jungwirth

(Erl, 27. Juli 2019) Dass Vögel und Menschen eine geheimnisvolle Verbindung, ja Beziehung haben, diese Vorstellung geistert schon sehr lang durch die Vorstellungskraft der Menschen. Vogel-Mensch-Wesen waren Teil der ägyptischen Religion, in Mozarts „Zauberflöte“ spielen seltsame Vögel mit und Olivier Messiaen hat den so sehr verehrten gottnahen Wesen fast sein gesamtes kompositorisches Schaffen gewidmet. Und dann sind da noch die Horrorvarianten von Daphne Du Maurier und Alfred Hitchcock. Das erste Vogel-Theaterstück stammt aller Wahrscheinlichkeit von dem Griechen Aristophanes aus dem Jahr 414 vor Christus. Seine Komödie „Die Vögel“ wiederum hat Goethe und Peter Hacks zu Bearbeitungen animiert und den Komponisten Walter Braunfels 1913-1919 zu einer Oper. Die Handlung ist ein wenig verschroben, im Kern geht es um zwei Menschen, die der Menschenwelt entfliehen wollen und bei den Vögeln ein besseres Leben suchen. Wie es so Menschenart ist, stacheln sie die gefiederten Wesen dazu an, sich den Göttern gegenüber zu behaupten und eine Stadt im Himmel zu errichten, die den Göttern den lebensnotwendigen Weihrauch von der Erde abdeckt. Die nie versiegende Hybris der Menschheit also ist sozusagen das Kernthema des Dramas und der Oper. Und Braunfels lässt deswegen in seiner Oper auch noch Prometheus auftreten, der den Vögeln und den bei ihnen wohnenden Menschen ein aufrüttelndes Lied davon singt, wie es einem ergeht, wenn man den Zorn der Götter reizt.

Dieses wundersame Sujet in einer weitgehend vergessenen Oper mit opulentem spätromantischen Klangrausch versehen war jetzt wie durch ein Wunder ins Tiroler Festspielhaus Erl gelangt. In einer musikalisch erlesenen und überaus engagierten Aufführung unter dem intimen Kenner der Partitur Lothar Zagrosek. Das ist in einem Privattheater wie dem Festspielhaus Erl keine leichte Übung und verdient den allergrößten Respekt. Erfreulich, dass nach dem Abgang des mit Missbrauchsvorwürfen konfrontierten langjährigen Erler Festspielleiters und Dirigenten Gustav Kuhn man sich nun künstlerisch programmatisch zu neuen Ufern aufmacht. Mit der 1920 durch Bruno Walter in München mit großem Erfolg uraufgeführten, später durch die Nazis verbotenen und dann vergessenen Oper „Die Vögel“ von Walter Braunfels ist zweifellos eine Tür zur Erneuerung in Erl aufgetan.

Musikalisch – wie gesagt – war diese Produktion herausragend, obwohl die Oper höchste Anforderungen an Sänger, Chor und Orchester stellt. Klingt der erste Akt weitgehend nach Strauss und Schreker, so wagnert es im zweiten ganz gewaltig. Braunfels amalgamiert die Musiksprache von Wagner und Strauss höchst virtuos mit eigener Couleur, aber doch auch zum Teil sehr nah an den großen Vorbildern. Da meint man nicht nur einmal den „Ring“ oder die „Meistersinger“ herauszuhören – freilich nie konkret durch ein Motiv oder ein Zitat. Prometheus‘ Ermahnungs-Arie klingt wie Wotans Abschied von Brünhilde. Und am Beginn der Oper fackelt die Nachtigall ein solch furioses Koloraturenfeuerwerk ab wie man es sonst nur von Strauss‘ Zerbinetta kennt.

Bianca Tognocchi als Nachtigall, Marlin Miller als Hoffegut und James Roser als Wiedehopf Fotos: Festspiele Erl/Xiomara Bender

Diese Nachtigall tiriliert sich durch die gesamte Oper, betört sie doch einen der Menschenbesucher (Hoffegut) zu wachsender Verliebtheit. Bianca Tognocchi ist mit ihrem Glöckchensopran der Star dieser Aufführung, entsprechend groß der Jubel des Publikums für sie am Ende. Aber auch die anderen Hauptrollen sind hervorragend besetzt: Julian Orlishausen als Ratefreund mit stimmschönem, sicher artikuliertem Parlando, Marlin Miller als Hoffegut mit intensivem und durchschlagskräftigem Tenor, James Roser als Wiedehopf mit prägnantem, klangschönem Bariton oder Thomas Gazheli als Prometheus mit durchschlagendem, wenn auch etwas gaumigem Bassbariton.

Lothar Zagrosek, der sich vor Jahren bereits mit einer CD-Einspielung mit dem Deutschen Symphonie Orchester Berlin für diese Oper stark gemacht hat, animiert Chor und Orchester der Festspiele Erl zu wahrhaften Höhenflügen. Jede Nuance der vielgestaltigen und farbigen Partitur wird glasklar und klangschön herausgearbeitet und doch hat alles Schwung und Elan – eine fantastische Leistung des zumeist aus jungen Musikern aus unterschiedlichen Ländern bestehenden Orchesters.

Leider kann man das Lob nicht auch auf die Regie von Tina Lanik und das Bühnenbild von Stefan Hageneier ausdehnen. Zu ideenlos wird hier versucht, das Erwartbare zu vermeiden, nämlich Vogelwesen und deren menschliche Zwischenstufen auf die Bühne zu bringen. Bei Lanik sieht das aus wie beim Abschlussball einer High School in den USA der 90er Jahre: quietschbunt und glitzernd (Kostüme: Heidi Hackl). Irgendeinen Sinn kann man daraus nicht ableiten. Und warum die Vogelhimmelstadt – Wolkenkuckucksheim genannt – aus schwarzen Müllsäcken besteht, wird einem auch nicht klar. Soll das die zuvor ausgesparte Kritik an der menschlichen Hybris und ihrem Zerstörungspotential sein? Schließlich greift Lanik dann auch noch zu jeder Menge Bühnennebel und lässt bei der Gewitterszene ein Taschenlampenballett über die Bühne huschen. Sehr schade, dass dieser fantastischen musikalischen Leistung eine so uninspirierte und langweilige Regie gegenüber steht. Dass das Werk eine durchaus seltsame Mixtur aus zum Teil widersprüchlichen und etwas unausgegorenen dramatischen Inhalten darstellt – Braunfels selbst sprach von der „seltsamen Dramatik“ seiner Oper – ist zwar sicher keine Hilfe auf dem Weg zu einer wirkungsvollen Inszenierung, aber doch auch kein unüberwindbares Hindernis.

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