Borodin Quartet

Kritik: Borodin Quartet

Unter die Haut gehend

Borodin Quartet Foto: Andy Staples

Das Borodin Quartet feiert mit einer Tournee sein 70jähriges Bestehen
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 21. September 2015) Zu den weltweit langlebigsten Kammermusikvereinigungen gehört das russische Borodin-Quartett, gegründet im Schicksalsjahr 1945. Zunächst firmierte es unter dem Namen „Moskauer Philharmonisches Quartett“. In dieser Frühzeit war der Bratscher übrigens Rudolf Barschai; er verließ das Ensemble allerdings nach gut einem Jahrzehnt, um sich seiner Dirigentenkarriere zu widmen. Den Celloplatz hätte ursprünglich Mstislaw Rostropowitsch einnehmen sollen, doch ließ er Walentin Berlinski den Vortritt. Der war dann Mitglied bis sage und schreibe 2007, also über sechzig Jahre lang, und stand seinen Kollegen danach als Berater in künstlerischen Fragen weiterhin zur Verfügung bis zum seinem Tod im Dezember 2008.
Diese Besetzungskonstante bildete eine Ausnahme. Zwar blieb das Quartett nach der Wahl seines neuen und bis heute geltenden Namens für etwa zwei Jahrzehnte fest zusammen, doch danach ergaben sich immer wieder Problem, bedingt durch Alter, Krankheit oder auch Emigration. Diese Situation veranlasste Berlinski schließlich, dem Quartett eine zweijährige Auszeit anzuraten, damit man sich künstlerisch wieder neu finden könne.
Dies gelang tatsächlich in glückhafter Weise. Nach dem Ende der Sowjetunion wurden zudem die Tourneen des Ensembles zunehmend internationaler, außerdem erweiterte man das Repertoire durch die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Rostropowitsch (!), Svjatoslav Richter, Elisabeth Leonskaja und sogar dem Deutschen Christoph Eschenbach. Mit solchen Initiativen vergrößerte sich auch das Repertoire, welches freilich – dem Ensemblenamen zu Ehren –stets eine  betont russische Ausrichtung pflegte.
Zu einer Art „Hausgott“ wurde Dmitrij Schostakowitsch, mit dem man erstmals 1946 zusammentraf. Schostakowitschs 15 Streichquartette entstanden vielfach in engem Kontakt mit diesem Ensemble. So war es selbstverständlich, dass eines von ihnen, das Nr. 13, jetzt in der Kölner Philharmonie zu hören war, einer der vielen Stationen der aktuellen Jubiläums-Tournee.
Das Werk entstand 1970, als der Komponist in einer neurologischen Klinik zur Behandlung weilte. Es stellt (wie auch das vorangegangene Quartett Nr. 12) ein Dokument von Schostakowitschs Beschäftigung mit der Zwölftontechnik dar (das Eingangsmotiv der Bratsche in Nr. 13 legt das sogleich unmissverständlich dar). In der Öffentlichkeit ließ sich der Komponist freilich kritisch vernehmen: „Wir sowjetischen Künstler verwerfen d(ies)en Avantgardismus mit Entschiedenheit.“ Aber solche Äußerungen sind natürlich als systemkonform zu deuten. Schostakowitschs Musik (nicht zuletzt seine Sinfonien)  navigierte ja stets auf des Messers Schneide. Bei der stärker „privaten“ Kammermusik durfte sich der Komponist emotional freier ausdrücken. Und so fällt beim Streichquartett Nr. 13 sofort ein beklemmender Klangeton mit dissonanten Zuspitzungen ins Ohr. Dass einige Musiker mit ihrem Bogen auf den Corpus ihres Instruments schlagen, könnte man fast als Parallele zu Beethovens „Fünfter“ sehen, wo das „Schicksal an die Pforten klopft“.
Die Widergabe durch das Borodin-Quartett sprach mit ihrer Intensität und Klangsattheit unmittelbar an. Wunderbar, aber auch etwas makaber das Ende des durchkomponierten Werkes: in einem extrem hohen Ton hauchen sich Geigen und Bratsche nachgerade aus.
Eine individuelle Note beim Spiel des Borodin-Quartetts ist der Einsatz von Vibrato. Dem Beginn von Peter Tschaikowskys Opus 11 fehlte es beispielsweise völlig. Man glaubte fast einer Begräbnismusik zu lauschen. Anschließend belebte sich die Tongebung, wurde runder, blutvoller und steigerte sich sogar bis hin zu fast schmerzhafter Expressivität, zumal beim Cello. Ähnliche Eindrücke vermittelte Alexander Borodins Streichquartett Nr. 2 D-Dur, kompositorisch hoch ambitioniert, stimmungsvoll und unter die Haut gehend.
Auch wenn das Kölner Programm seine russische Note unverhohlen und für  manchen vielleicht sogar allzu plakativ offerierte: von wem bekommt man diese Werke sonst schon zu hören? An ihrem Raritäten-Status ändert nichts, dass die langsamen Sätze zu echten Hits geworden sind. Borodins Notturno (3. Satz) ging beispielsweise in das Musical „Kismet“ ein.
Die Mitglieder des Borodin-Quartetts sind exzellente Musiker. Vor allem der Bratscher Igor Naidin (Schüler von Yuri Bashmet) und der Cellist Vladimir Balshin (hinreißend seine klangvollen Pizzicati  im Tschaikowsky-Andante) warteten mit opulenter Tonfülle auf. Sergey Lomovsky (2. Violine): etwas anonym agierend, aber voll integriert. Ein wenig problematisch war indes das Spiel des Primgeigers Ruben Aharonian. Die stocksteife Körperhaltung wirkte sich auch auf sein Spiel aus: technisch sattelfest, in der Tongebung aber leicht eingeschnürt. Vielleicht müsste man dem Quartett einmal geschlossenen Auges zuhören – vielleicht verlöre sich dann dieser Eindruck.

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