Boris Godunow

Ein Weltstar kehrt heim

Foto: Matthias Creutziger

René Pape ist Boris Godunow an der Dresdner Semperoper

(Dresden, 17. Dezember 2008) „Dresdner Krönung des Opernzaren Boris Godunow“, so titelte die Sächsische Zeitung am Tag der Premiere von Modest Mussorgskis Oper und präsentierte dazu als großformatiges Titelbild den Bassisten René Pape, wie er zum russischen Zaren Boris gekrönt wird. Für Pape wie für die Dresdner bedeutet diese Neuinszenierung durchaus etwas besonderes, ist es doch die erste Premiere, die der berühmte Sohn der Stadt und ehemalige Kreuzchorsänger in der ehrwürdigen Semperoper bestreitet. In einem Interview verriet er, dass er auch wieder seinen Lebensmittelpunkt in seine Heimatstadt verlegen will, obwohl der Sängerstar vor allem in Berlin und New York auftritt. Wenn das keine guten Nachrichten sind.
Auf dem Bild, das die Krönung von Boris zum Zaren zeigt, blickt Pape einigermaßen missmutig drein – und tatsächlich legt es die Inszenierung von Christian Pade darauf an, den Zaren Boris nicht als einen eiskalten Machtmenschen zu zeigen, der über Leichen geht, sondern als Getriebenen, der mit seinem Schicksal hadert. So macht Pade gleich zu Beginn deutlich, dass Boris nicht der Mörder des kleinen Zarewitsch ist – was ihm ja später von der Öffentlichkeit vorgeworfen wird und ihn in den Wahnsinn treibt.
Getrieben wird dieser Boris von den Bojaren, machtgierige neureiche Mafiosi, die in dunklen Anzügen und ebensolchen Sonnenbrillen und mit ihren knallbunt aufgetakelten Weibchen im Schlepptau – Russlands aktueller „Geldadel“ also – Boris beinahe gewaltsam zum Zarenthron drängen. Dagegen erscheint der Mönch und Geschichtsschreiber Pimen in beinahe historischer Aufmachung. Im Hintergrund Projektionen von geschichtlichen Ereignissen, die immer wieder korrigiert und überschrieben werden. Auch Geschichte ist relativ. Pade spielt mit Versatzstücken aus Vergangenheit und Gegenwart, um zu zeigen, dass Politik letztlich nach immer gleichen Mustern abläuft und schon immer auch ein dreckiges Geschäft war, bei dem es zuallerletzt auf Wahrheit und Aufrichtigkeit ankommt. Der Intrigant Schuiskij (hervorragend: Wolfgang Schmidt) ist dafür ein wunderbares Beispiel.

Foto: Matthias Creutziger

Dieser Boris jedenfalls hadert mit sich und der Macht, und die Skrupel befallen ihn schon während der Krönungszeremonie. Nervös zupft er an sich herum, blickt fast hilflos drein. Dass das nicht gut gehen kann, ist absehbar.
Pape singt den Boris allerdings keineswegs so wie er ihn spielt, seine Stimmkraft scheint von den Skrupeln unbeeinflusst zu sein. Präszision, Stimmklang und – und doch muß er am Ende fallen.
Leider hat die Regie in den kubusartigen weiten Räumen, die Alexander Lintl gestaltet hat, und die oft viel zu groß und vor allem viel zu monoton ausgeleuchtet sind, nicht viel mehr als diese Ursprungsidee vom unschuldigen Boris zu bieten. Vor allem gelingt es Pade nicht, die Personen entsprechend mit Leben und Psychologie auszustatten – da wirkt vieles doch recht unbeholfen und unfertig. Zurecht muß er dafür am Ende lautstarke Buhs des ansonsten begeisterten Publikums einstecken.
Viel Applaus neben dem zurecht gefeierten René Pape auch für die übrigen Sänger, vor allem für den etwas arg orgelnden John Tomlinson als Pimen und den Auftritt ehrenhalber von Hanna Schwarz als Amme (warum sie in dieser Rolle ein Cocktailkleid tragen muß ist eine von manchen Fragwürdigkeiten der Regie) sowie den Dirigenten Sebastian Weigle, der der Staatskapelle einen wunderbar geradlinigen, aber dennoch runden und ausbalancierten Klang entlockte. Kein klischeehaftes russisches Seelen-Gewabere, wenngleich mitunter ein wenig mehr Geheimnis und psychologischer Feinschliff schon zu wünschen gewesen wären.
Robert Jungwirth

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