Boreyko Philharmoniker

Verfehlte Explosionen

Andrey Boreyko dirigiert die Münchner Philharmoniker
(München, 6. November 2009) Igor Strawinsky war ein Perfektionist. Seine Partituren sind bis ins letzte Detail ausgefeilt, dem Zufall überließ er nichts. Und selbst im vermeintlich größten Chaos des "Sacre" herrscht penibelste Ordnung, die Musikern und Dirigenten die größte Beherrschung ihres Handwerks abverlangt. So gibt es kaum ein Werk von Strawinsky, das man als unfertig oder wenig gelungen bezeichnen könnte. Und doch ist seine 1908-14 entstandene Ballett-Oper "Le Chant du Rossignol" (Der Gesang der Nachtigall) seltsam heterogen, ja unfertig. Nicht umsonst gibt es das Werk mit oder ohne Gesang und zusätzlich noch als symphonische Dichtung – letztere wirkt auch deshalb etwas eigenartig, weil Strawinsky die Programmatik der Gattung symphonische Dichtung eigentlich immer abgelehnt hat.
Der russische Dirigent Andrey Boreyko hat das selten zu hörende Werk etzt aufs Programm seines Gastdirigats bei den Münchner Philharmonikern gesetzt und die eigenartige Anmutung zwischen Debussy und den Balletten "Feuervogel" und "Sacre" dadurch verstärkt, dass er das Laute, Lärmige und Kontrastive herausstellte, wogegen der Lyrismus (der Nachtigall), das Poetische ins Hintertreffen geriet. Manchmal schien es gerade so, als würde Boreyko mit Posaunen und sonstigem Blech auf Nachtigallen schießen.
Man mochte sich ohnehin an dem Abend fragen, warum ein Dirigent, der ein ganzes Programm dem musikalischen Impressionismus (im weitesten Sinn) widmet – es waren außerdem die Scheherazaden von Ravel und Rimskij-Korsakow zu hören – sich so wenig um Klangfarbenzaubereien im Orchester kümmert und stattdessen lieber knallig drauflos musizieren lässt.
Die in vielen Rollen hoch geschätzte Sopranistin Ann-Katrin Naidu blieb in Ravels Sheherazade ebenfalls hinter den Erwartungen zurück. Ihre Stimme klang oft scharf und wenig flexibel, die Deklamation war grenzwertig. Der ganze sinnliche Reichtum dieser musikalischen Erzählung voll fremder Länder und Menschen blieb auch im Orchester vordergründig und farblos.
Wie wenig sensibel Boreyko die Musik anging, zeigte sich bei Rimskij-Korsakows Auseinandersetzung mit dem Märchenstoff ganz besonders deutlich, wenn auf die wunderbar zart und duftig gespielten Violinsoli von Julian Shevlin das Orchester-Tutti so massiv einsetzte als wären wir von einem zum nächsten Takt von Rimskij-Korsakow zu Bruckner übergewechselt. Das war schade und sogar ärgerlich. Denn damit zielte die Wiedergabe am poetisch-narrativen Charakter dieser Musik vorbei. Boreykos Strategie der Zuschauerüberwältigung durch punktgenaue Fortissimo-Explosionen funktioniert hier herzlich wenig.
Eine Visitenkarte abgeben bei einem Orchester, das sich einen neuen Chef suchen muß, klingt anders.
Robert Jungwirth

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