Bomarzo

Sex and Crime in der Renaissance

Milijana Nikolic (Pantasilea, Kurtisane in Florenz), John Daszak (Pier Francesco Orsini, Herzog von Bomarzo), Tänzer. Im Hintergrund: Hilary Summers (Diana Orsini, Großmutter des Herzogs). Foto: Javier del Real

Das Teatro Real in Madrid bringt endlich wieder einmal Alberto Ginasteras existenzialistische Oper „Bomarzo” zur Aufführung. Musikalisch hat sich das auf jeden Fall gelohnt.
Von Bernd Feuchtner
(Madrid, April 2017) Einen argentinischen „Wozzeck“ wollte Alberto Ginastera nicht schreiben, als er „Bomarzo“ komponierte, sondern eine Oper von universalem, humanem Wert. Mit dem Roman von Manuel Mujica Lainez (1910 – 1984) als Grundlage wäre das auch gar nicht anders möglich gewesen, denn der argentinische Schriftsteller hat ihn in Italien angesiedelt. 1963 wurde er dafür mit dem Großen Literaturpreis Argentiniens ausgezeichnet. „Bomarzo“ war ein internationales literarisches Ereignis und stand den Romanen des magischen Realismus nicht so fern: Der Herzog von Bomarzo, Schöpfer des berühmten „Gartens der Ungeheuer“, erzählt darin sein Leben in den Zeiten Michelangelos, weiß seltsamerweise aber genauso Bescheid über Toulouse-Lautrec und die Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
Wie verwandelt man ein solch vielfach aufgefächertes Epos von über 600 Seiten in ein Opernlibretto? Die Arbeit der Reduktion übernahm Mujica selbst, in enger Abstimmung mit Ginastera. In seiner Todesstunde sieht der Herzog von Bomarzo die Schlüsselszenen seines Lebens an sich vorüberziehen. Dieses Leben war fürchterlich: Als Buckliger geboren, wurde er als Kind misshandelt – wenn beispielsweise sein älterer Bruder mit ihm Herzog und Herzogin spielte, war er es, der vom Vater dafür hart bestraft wurde. Von seiner Frau mit seinem Bruder betrogen, wurde er zum Mörder und driftete in einen Wahn ab, der ihn im heiligen Hain seiner Residenz den berühmten Garten der Ungeheuer bauen ließ. Auf die überzeitlichen Aspekte verzichtet das Libretto ebenso wie auf die positiven Lebenserfahrungen des Herzogs, der im Roman immerhin in Benvenuto Cellini einen freien Menschen und Künstler trifft, der ihm vorlebt, dass es noch etwas anderes gibt als die adelsstolze und gewalttätige Atmosphäre seiner Familie. Man hat „Bomarzo“ in die Tradition des Manierismus gestellt – in dessen Zeit er ja spielt – doch es waren vor allem Kafka und Beckett, die Pate standen bei Ginasteras existenzialistischer Revue der Grausamkeiten.
Der Kompositionsauftrag an Ginastera erging zwar von der Washington Opera, die Uraufführung sollte jedoch 1967 im Teatro Colón in Buenos Aires stattfinden. Die argentinische Militärdiktatur verhinderte dies – nicht die atonale, zwölftongeprägte Musik Ginasteras missfiel ihnen, sondern die Szenen von Gewalt, Impotenz und angedeuteter Homoerotik wollte ihre heuchlerische Moral nicht dulden. Die Uraufführung kurz darauf durch Julius Rudel in Washington war ein großer Erfolg, und schon 1970 kam die Oper in Kiel auf die Bühne, wo mit Joachim Klaiber ein Intendant wirkte, der mit Theodor W. Adorno befreundet war und für einen aufgeweckten Spielplan sorgte.
Im Teatro Real bleibt der Vorhang noch zu, wenn die Musik sich aus dem leisen Rasseln des Schlagwerks zu entwickeln beginnt. Heraus tritt der Tenor John Daszak, Darsteller des Herzogs, im modernen schwarzen Anzug und starrt mit offenem Mund ins Publikum – offenbar ein Hinweis auf das berühmteste Monster in seinem Park, den aufgesperrten Schlund des Höllentors. Dieser Gesichtsausdruck wird ihm leider bleiben. Der Vorhang geht auf und Pier Francesco Orsini taumelt in eine Black Box, wo sich ihm die Gestalten seines Lebens nähern. Der Astrologe (mit seiner Haube sieht er aus wie eine Krankenschwester) hat ihm ewiges Leben prophezeit und will ihm nun ein Elixier verabreichen, das aber durch seinen Neffen vergiftet wird, so dass er stirbt. Nun spult sich der Film seines Horrorlebens ab.
Die finsteren Klänge fließen wie ein Dauerschmerz, wozu das schwarze Lavafeld passt, das nun von der Hinterbühne nach vorne fährt. Daraus krabbelt Orsinis Großmutter (Hilary Summers) hervor, die klingt wie ein Mann und aussieht wie eine Drag Queen – die Einzige in der Familie, die ihm bedingungslose Zuneigung schenkte. Regisseur Pierre Audi vermeidet jeden Realismus und lässt die Figuren wie im Traum erscheinen und wieder verschwinden. Was in der Handlung nur angedeutet ist, lässt er explizit werden: aus einem halbnackten Liebespaar, das die Hilflosigkeit des Missgestalteten gegenüber seiner eigenen Frau spiegelt, wird ein nacktes; sein älterer Bruder Girolamo (der Bariton Germán Olvera) präsentiert seinen perfekten Body ebenfalls splitternackt, bevor er beim Baden im Tiber verunglückt, was hier zu einem gemeinsamen Mord durch Orsini und seine Großmutter wird. Aus Orsinis ergebenem Negersklaven Abul (eine stumme Figur) wird sein lederbehoster Liebhaber, und wenn er seine Frau mit seinem Bruder erwischt, ersticht nicht Abul den Bruder, sondern Orsini selbst tötet die beiden Liebenden. Das alles degradiert „Bomarzo“ zur Travestieschmonzette, wo es doch um Schönheit, Vergänglichkeit, Seelenpein und das Wesen des Menschen geht.
Der Lichtdesigner Urs Schönebaum hat diesmal das gesamte Bühnenbild gestaltet. Neben der Lavabank arbeitet er vor allem mit enormen vertikalen und horizontalen Neonbändern und mit gigantischen Videoprojektionen der Fantasmen, die Orsini umtreiben. Der chaotische optische Überfluss macht es nicht immer leicht, sich auf die Musik Ginasteras zu konzentrieren, die feiner gestrickt ist, als es hier den Anschein hat. Vor allem die instrumentalen Zwischenspiele lassen aufhören, aber auch verfremdete Chöre, ein schräges Dies irae und verzerrte Renaissance-Tänze. Wenn man freilich dabei die Allerweltsgymnastik des Bewegungschores in Goldhöschen sieht, denkt man mit Wehmut an die witzigen Choreografien, mit denen Amir Hosseinpur früher Barockopern illustriert hat. Überhaupt versteht man häufig, was auf der Bühne gemeint war, ohne dass sich die entsprechende Theatermagie einstellt.
Die stärkste Figur auf der Bühne ist zweifellos Milijana Nikolics lustvoll gesungene und gespielte Kurtisane, und Nicola Beller Carbone gelingt eine zarte Darstellung von Orsinis schöner Frau. Am wenigsten versteht man, warum es für „Bomarzo“ keine spanischsprachigen Sänger geben soll – die italienische Sprachmelodie stört doch sehr, vor allem bei einem Werk, das intensiv mit Sprechgesang und rezitativischem Singen arabeitet, wie das in der Literaturoper der 1960er Jahre ja generell beliebt war. Auch hätte es eines stärkeren Kontrasts der Stimmfarben bedurft, um etwa zwischen Orsini und seinem Vater und seinen Brüdern eine Spannung entstehen zu lassen.
Chor und Orchester des Teatro Real leisten Großartiges an diesem Abend, Ginastera hat sie mit reichem Material versehen. Der unsichtbare Chor prägt manche Szene genauer als die Bühne. Und was David Afkam mit dem Orchester im gesamten Bereich zwischen Geräusch und Sonorität gestaltet, lässt immer wieder erstaunen. Bei aller Schwärze und Kargheit gibt es keine Beliebigkeit, sondern genau auf die jeweilige Szene ausgehörte Klangsensationen. „Bomarzo“ erweist sich als genuiner Beitrag zur Oper des 20. Jahrhunderts und auf der Höhe einer Zeit, die das Individuum zerbrechen sah unter dem gesellschaftlichen Druck, auch wenn dieser sich gespiegelt sieht in jener fernen Epoche, in der es sich zu entdecken begonnen hatte.
Aufführungen bis 7. Mai
http://diarioliricoes.blogspot.de/2017/04/bomarzo-de-ginastera-llega-al-real.html



Münchner Philharmoniker


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