Blomstedt mit Bruckner im Bamberger Dom

Foto: Ronald Rinklef

Eine Sternstunde

Herbert Blomstedt dirigiert Bruckners Fünfte im Bamberger Dom mit den Bamberger Symphonikern

Von Robert Jungwirth

(Bamberg, 19. Juli 2017) Diese Symphonie ist wie eine Bergbesteigung. Ein Kraftakt für Musiker, Dirigent und Zuhörer gleichermaßen. Aber die Strapazen lohnen sich. Bruckner belohnt alle mit überragenden Ausblicken und Einblicken, wenn nicht gar Einsichten. Das bescheiden machende Staunen angesichts der Grandiosität in Bruckners fünfter Symphonie sei es, was man in dieser Musik lernen könne, sagt Herbert Blomstedt und ein Gespür für ihre meditative Kraft. Blomstedt erzählt das im Interview nach der Generalprobe mit ungebrochener Aufgeräumtheit. Draußen klettert das Thermometer auf über 30 Grad, und abends wird der 90-jähirge Dirigent das etwa 80-minütige Werk noch einmal dirigieren.

Im Bamberger Dom, wo die Bamberger Symphoniker unter seiner Leitung das Werk aufführen – zum Auftakt einer kleinen Tournee, die sie auch in den Würzburger und den Passauer Dom sowie in die Stiftskirche St. Florian nach Linz führen, wo Bruckner begraben ist – gelangen die Architektur des Gebäudes und die Architektur der Musik zu einer ganz besonderen Einheit. Und Herbert Blomstedt erweist sich einmal mehr als einer der überragenden Bruckner-Dirigenten unserer Zeit mit einem außerordentlichen Gespür für die Ausgestaltung der Klangarchitektur mit all ihren komplexen thematischen Bezügen und Verzahnungen.

Und es gelingt ihm, der ungeheuren Komplexität dieses Werks – Bruckner nannte die Fünfte sein „kontrapunktisches Meisterstück“ – eine geradezu grazile Leichtigkeit zu unterlegen. Nicht um pathosgeschwängertes Sturmgebraus geht es Blomstedt, sondern um filigrane und inspirierte Themenarbeit, die die Bezüge ganz natürlich deutlich werden läßt. So einen Bruckner erlebt man nicht alle Tage: so souverän, so beseelt und konzentriert, dabei spielerisch leicht, ohne der Größe und prachtvollen Erhabenheit auch nur das Mindeste an Wirkung zu nehmen. Nichts wird zerdehnt und künstlich mit Bedeutung aufgepumt. Die Bedeutung der Musik kommt aus der inneren Spannung, die Blomstedt 80 Minuten lang in jedem Takt hörbar werden läßt. Und wann je hat man den Ländler im Scherzo so lebensbejahend heiter gehört wie an diesem Abend im Bamberger Dom?

Was für ein wunderbares Brucknerbild vermittelt Blomstedt hier den Hörern! Nicht einen bärbeissig mit sich und der Welt ringenden, sondern einen gedankentief lächelnden Bruckner. So wie Blomstedt fast immer mit einem Lächeln auf den Lippen dirigiert und dabei so beseelt wirkt wie manche der faszinierenden romanischen Figuren dieses Bamberger Dom. Und schon der Beginn der Symphonie klang wie ein inniges Gebet in schönsten Klangfarben – fantastisch gespielt von den Bamberger Symphonikern.

Zur Musik Anton Bruckners hat der Dirigent Herbert Blomstedt bekanntermaßen seit langem eine ganz besondere Beziehung. Mit seinem früheren Orchester, dem Gewandhausorchester Leipzig, hat er die Symphonien komplett auf CD eingespielt. Deshalb hat sich der Ehrendirigent der Bamberger Symphoniker auch ein Werk Bruckners für seine Tournee durch Bayern und Österreich kurz nach seinem 90. Geburtstag gewünscht. Und die Bamberger Musiker reagieren nahezu intuitiv, mit großer Sensibilität und einer geradezu berückenden Klangsinnlichkeit auf Blomstedts Zeichengebung – wie immer ohne Taktstock.

Auch wenn Bruckner sehr religiös war und seine Musik bei dieser kleinen Tournee der Bamberger Symphoniker mit Herbert Blomstedt ausschließlich in Kirchenräumen erklingt, seien seine Symphonien keine religiöse Musik im eigentlichen Sinn, meint Herbert Blomstedt. Aber sie seien eine philosophische Musik, weil sie eine meditative Kraft besäßen wie sonst keine. An diesem Abend war das jederzeit spürbar. Eine Sternstunde. Glücklich die, die dabei sein konnten. Heute Abend in Passau, dann in Linz. Der ORF zeichnet das Konzert auf, der BR wird den Mitschnitt im Sommerprogramm senden.

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