Big fish

Zauber des Erzählens

Foto: Lioba Schöneck

Die Bayerische Theaterakademie August Everding macht die europäische Erstaufführung eines Musicals nach dem Film „Big Fish“ zum Ereignis
Von Klaus Kalchschmid

(München, 10. November 2016) Wenn die Bayerische Theaterakademie die europäische Erstaufführung eines Musicals von Andrew Lippa und John August nach dem berühmten Film „Big Fish“ auf die Bühne bringt, dann richtig: Die Geschichte von einem Vater, der seinem Sohn ein Leben lang fantastisch fabulierte Schwänke erzählt, wird derart herrlich aufgedreht – und immer perfekt im Timing – getanzt, gesungen und gespielt, dass man bald vergisst, welche Grenzen eine Bühne dem Stoff gegenüber dem überbordenden Film von Tim Burton aus dem Jahr 2003 mit Ewan McGregor und Alber Finney setzt – und alle noch Studenten sind.

Geschickte Projektionen erwecken die raffiniert wie aus Brettern ausgestanzte schlichte Bühne (Bühne und Projektionen: sam Madwar) zum Leben und verwandeln die Schauplätze so schnell, dass die Sänger kaum mit dem Wechsel der fantasievollen Kostüme (Ulli Kremer) mitkommen. Ob anheimelndes Schlafzimmer, die Welt des Zirkus, ein verwunschenes Dorf, Wilder Westen oder spießige Hochzeitsfeierlichkeiten: Zuschauend und –hörend schwindelt es dem Publikum fast genauso wie Will (sehr charmant und immer sicherer: Matias Lawall), der langsam erkennen muss, dass alle Geschichten, so fantastisch sie auch erfunden scheinen, immer einen wahren Kern haben. Selbst jene, dass der Vater die Bewohner seiner Heimatstadt, die für einen Damm geflutet werden sollte, rettete. Und sogar der Riese taucht am Sarg des Vaters auf, nur keine 4 Meter groß und zottelig wie im Verlauf des Abends, sondern – na sagen wir mal, so 2meter10!      

Benjamin Oeser ist mit großer Bühnenpräsenz und ausgezeichneter Stimme der Protagonist des Ganzen und verwandelt sich mit Mütze und Brille immer wieder vom alten Mann auf dem Sterbebett, den der erwachsene Sohn endlich dazu bringen will, ihm nicht nur Geschichten, sondern die Wahrheit zu erzählen, in den jungen Familienvater Edward, der seinem Sohn Will vor dem Einschlafen die wildesten Geschichten erzählt. In der Premiere spielte der kleine Miles Benson (der mit drei anderen Jungs alterniert) ganz wunderbar diesen altklug aufmüpfigen Knaben. Theresa Weber war als Edwards Ehefrau Sandra ebenfalls hervorragend besetzt, nicht minder die zahlreichen anderen Studierenden des Studiengangs Musical – oftmals in Mehrfach-Rollen; nicht zu vergessen der Artist David Pereira als Gast. Er gab auch eine großartig aufgeputzte Drag-Mermaid ab.

Schon vor der Pause war man vom Geschehen auf der Bühne, höchst lebendig inszeniert von Andreas Gergen, fasziniert, nicht zuletzt von den exzellent choreographierten Massenszenen (Danny Costello), aber erst im zweiten Teil zündete die Musik; unsichtbar gespielt vom Big-Fish-Orchester unter Leitung von Tom Bitterlich auf der Hinterbühne und über Lautsprecher in den Saal übertragen. Sie wurde vielfältiger und origineller, jetzt gab es aber auch die verrücktesten Tanzszenen, so von ein paar heißen Fegern, spärlich bekleidet, deren Kostüme ganz aus der amerikanischen Flagge bestanden, oder Gäste eines Saloons, die derb zu schönster Country Music aufstampften.

Weitere Aufführungen: 13. November (15 und 19.30 Uhr), 24., 25., 26. November; Gastspiele in Ludwigsburg (15. Januar 2017) und Heilbronn (25., 26., 28. November (19.30 Uhr), 29. November (15 Uhr).



Münchner Philharmoniker


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