Bieito inszeniert Elias in Wien

Protestantischer Geist und katholische Engerl

Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“ von Calixto Bieito im Theater an der Wien in exquisiter Besetzung in Szene gesetzt

Von Derek Weber

(Wien, 16. Februar 2019) Von einem höchst eigenwilligen, wenn nicht gar eigenartigen Werk ist heute zu berichten, das am vergangenen Samstag im Theater an der Wien Premiere hatte: Felix Mendelssohn Bartholdys um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenes Oratorium „Elias“. Der katalanische Regisseur Calixto Bieto hat es als Quasi-Oper in Szene gesetzt, letzten Endes als großes und nicht immer leicht durchschaubares Gewusel, das mit der Zerstörung einer Art alter Wehrkirche aus Pappe beginnt und immer wieder verstörte und verzweifelte Frauen und Männer aller Arten aus dem alttestamentarischen Milieu zeigt (gesungen vom wie immer phantastischen Arnold Schoenberg Chor). Es handelt sich um eine Variante des Abfalls vom rechten Glauben, die alles nur Erdenkliche auftreten lässt.
Bieito – es handelt sich um einen Regisseur, der das Publikum gehörig zu erschrecken pflegt – schreckt auch diesmal vor nichts zurück. Nur bewegt er sich in eine ungewohnte und nicht erwartete Richtung. Er lässt sogar einen richtigen, altbackenen, weißen Engel mit Flügeln auftreten. Da hatte man sich doch mehr erwartet, auch wenn das Engelchen – Kai Rüütel – wunderschön sang, wie übrigens auch alle anderen Solisten, allen voran natürlich Christian Gerhaher, der als Prophet die richtige Stimmlage zwischen Anklage- und Überzeugungston findet.

Der Engel ist nicht unbedingt einer Unaufmerksamkeit des Regisseurs geschuldet, sondern eine bewusste Provokation, denn im Übrigen arbeitet Bieito mit ebenso bewusster Reduktion, wie einem Feuerzeugfunzelchen an Stelle des zu erwartenden göttlichen Feuers. Wie ja überhaupt die Szenerie von Rebecca Ringst mit „trockener“ Phantasie aufwartet. Das führt zurück zur Frage, ob Oratorien der Bebilderung bedürfen oder ob sie nicht stärker auf die Kraft der Musik bauen sollten, die bei Jukka Pekka Sarsate in besten, weil straffen, unbarocken Händen war? Oratorien ohne „protestantischen“ Geist – das konnte nur Joseph Haydn.

So wie Mendelssohn hörbar dem Vorbild Johann Sebastian Bachs nacheifert und viel Rezitativisches in die Musik einfließen lässt, so findet der romantische Komponist von der Ouvertüre an zuweilen zu einem für das Jahr 1846 fast „stählern“ wirkenden, unterirdisch dahinfließenden Tonfall. Oder wirkt da bloß der Revoluzzergeist von 1848 „unbewusst“ voraus?

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