Bezuidenhout in München

Ein Synthesizer aus dem frühen 19. Jh.

Kristian Bezuidenhout läßt auf dem Hammerflügel Beethoven neu erklingen

Von Rita Argauer

(München, 14. Oktober 2017) Es geschieht selten, dass das Publikum in der Pause die Bühne betritt und diese unsichtbare Grenze überschreitet, um in den Raum des Künstlers einzudringen. Das muss man sich auch erst einmal trauen, doch in der Pause ist Kristian Bezuidenhout auch gar nicht anwesend auf der Bühne der Allerheiligen Hofkirche in München und das Interesse der Interessierten gilt auch gar nicht diesem Pianisten, der dort gerade ganz herrlich seltsame und ungewohnte Versionen von Beethovens Rondos op., 51, 1 und 2, sowie der D-Dur-Sonate, op. 10, 3 gespielt hatte, sondern dem Instrument. Es ist der Nachbau eines Hammerflügels von 1815. Und der birgt ein paar kleine Klanggeheimnisse mehr als herkömmliche Konzertflügel.

Diese präsentiert Bezuidenhout im Konzert, sein Publikum will aber auch wissen, wie die seltsamen Klangverschiebungen oder ein Klirren zu Stande kommen. Auf einem Hammerflügel zu spielen, bedeutet aber erst einmal auch einen Verzicht. Denn das Instrument klingt um einiges leiser und weniger durchdringend als die modernen Konzertflügel. Doch die Welten, die sich in diesem Konzert abseits der schillernden Brillanz moderner Instrumente auftun, erlauben einen neuen Blick; auch auf so oft gehörte Werke wie Beethovens „Grande Sonate pathétique“.

An den Beginn setzt Bezuidenhout jedoch Beethovens Rondos, zwei Stücke, die man eher aus dem Klavierunterricht als aus dem Konzertsaal kennt. Doch im Zweiten moduliert der Klang in den Bass-Oktaven plötzlich in ein schwebendes Raunen. Das sind Verschiebungen, die mehr an die Möglichkeiten eines modernen Synthesizers erinnern als an ein historisches Instrument. Bezuidenhouts Hammerflügel verfügt dafür über sechs Pedale. Hier wird gedämpft und gehalten, hier gibt es aber auch einen Fagottzug, einen einfachen und einen zweifachen Moderator, sowie einen Janitscharenzug, der die Höhen wie ein Miniatur-Glockenspiel klingen zu lässt und den Anschlägen ein metallisches Geräusch mitgibt, das entfernt an ein Cembalo erinnert. Das ist ein bisschen wie Karneval für das Klavier: Die Töne können klanglich verkleidet werden.

Bezuidenhout ist dabei ein Musiker, dem dieses Instrument gut steht. Denn seine Interpretationen sind erst einmal so subtil wie der Dynamik-Umfang des Hammerflügels, aber auch so detailreich und vielfältig wie die Möglichkeiten, die diese zusätzlichen Pedale ihm bieten. Es scheint als wäre der Interpret hier an diesem besonderen Instrument gewachsen und geschult; so sehr, dass er Altbekanntes völlig ungewohnt klingen lässt. Gleichzeitig nutzt Bezuidenhout die Theatralität dieser verschiedenen Klangmöglichkeiten so, dass sie nicht alber klingen, sondern transparent bleiben.

Bevor er zum Abschluss den Gassenhauer und das Bravourstück unter den Beethoven-Sonaten spielt, seziert er mit diesen Möglichkeiten die Sonate op. 10, Nr. 3. Er nimmt die Musik regelrecht auseinander, setzt auf starke Fermaten und unmittelbares Absetzen. Das klingt ein bisschen gehäckselt, ist aber in der Konsequenz doch nachvollziehbarer, als wenn auf einem heutigen Konzertflügel versucht wird, Beethovens Zerrissenheit zu kitten und dabei der Faden verloren wird.

In Haydns Variationen in f-Moll geht es anschließend weniger um ein klangliches Spektakel. Sie bilden einen Ruhepol, bevor auch die Pathétique in neuer Zurückhaltung erstrahlt. Denn hier trifft ein subtiler Interpret auf ein subtiles Instrument und plötzlich ist das bekannte Thema nicht mehr treibend-kernig, sondern fast innig, mal abgesehen, von den Akkorden, die Bezuidenhout mit Unterstützung seiner Pedale dazwischen donnern lässt. Ohne all das Brausende und Steigernde sucht Bezuidenhout nicht einen einzigen Zugang und kein einzelnes Ziel in der Musik, sondern kehrt lauter kleine Beobachtungen nach oben, die auf modernen Instrumenten schnell untergehen.

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