Bernsteins Candide an der Komischen Oper

Stochern im Nebel

In Berlin verhebt sich Barrie Kosky an Bernsteins Voltaire-Musical „Candide“

Antje Rößler

(Berlin, den 25. November 2018 Barrie Koskys mitreißende „West Side Story“ an der Komischen Oper Berlin war ein durchschlagender Erfolg. Nun hat der Intendant und Regisseur den 100. Geburtstag Leonard Bernsteins zum Anlass genommen, sich einer Rarität zu widmen: dessen Operetten-Musical „Candide“ nach Voltaires gleichnamiger Satire.
1953 zur selben Zeit wie die „West Side Story“ entstanden, verbinden sich hier Roadmovie, satirische Philosophiestunde und eine Liebeserklärung an die europäische Musikgeschichte.

Voltaire attackierte mit seiner satirischen Novelle „Candide oder der Optimismus“ die lebensbejahende Auffassung von Leibniz und anderen Aufklärern, wir würden „in der besten aller möglichen Welten“ leben.
Seine zynische Widerlegung veranschaulicht Voltaire am Fall des Provinz-Knaben Candide, der sich in die edle Baronesse Kunigunde verliebt. Bei Kosky sitzen die beiden in der Schulbank und greifen sich gegenseitig derb in den Schritt. Candide muss deshalb die Heimat verlassen. Zuversichtlich begibt er sich auf die Reise; im Hinterkopf das Credo seines Lehrers Pangloss: Die Welt, wie sie ist, ist die einzige, folglich auch die bestmögliche.
In der Titelrolle ist Allan Clayton mit seiner weichen Gestalt und dem feinen, empfindsamen Tenor eine stimmige Besetzung. Die Sprechtexte deklamiert er allerdings zu theatralisch.
Auf seiner Reise erlebt Candide sämtliche menschengemachten und naturgewollten Schrecken im Schnelldurchlauf: Krieg und Folter, öffentliche Hinrichtungen, sogar Erdbeben. Er gelangt bis nach Montevideo und Surinam.

Während die „West Side Story“ höchst amerikanisch daher kommt, erweist Bernstein mit „Candide“ der abendländischen Musikgeschichte seine Referenz. Trennscharf und schwungvoll brachte der kanadische Dirigent Jordan de Souza, Jahrgang 1988 und Kapellmeister am Hause, die verschiedenen Stile zum Swingen: Choral und Operetten-Schmalz, Freitonales und spanische Folklore, Modetänze und barocke Koloraturen. So muss Voltaire klingen: beißend und kaltschnäuzig, grotesk und lebensprall.
Das ausgezeichnete Hausorchester, der tolle Chor und zwölf vielseitige Tänzer sind die Hauptakteure. Letztere haben vom Schuhplattler bis zur Samba alles drauf. Dass auch Männer in Reifrock oder Federboa tanzen, ist Koskys Referenz an die quere Fangemeinde des Hauses.

Barrie Kosky greift auf die effektsichere, geistreiche deutschsprachige Fassung zurück, die 2017 in Weimar entstand. Auf der leeren Bühne lässt er es mit insgesamt rund 800 aufwändigen phantasie-historischen Kostümen richtig krachen. Kostüm-Chef Klaus Bruns stellt alle Länder der Weltreise dar: Sombreros und Zigarren für Uruguay, derbe bulgarische Soldaten, weiße Clowns im Karneval von Venedig.
Fortwährend wabert der Nebel ins Parkett; mal als Schlachtenrauch, dann als Meeresdunst; wohl auch als das sprichwörtliche philosophische Stochern im Nebel.
Der Regisseur treibt die Brüche und Kontraste des Stücks ins Extrem; an einer fortlaufenden Geschichte zeigt er kein Interesse. Ernst und Groteske liegen dicht beieinander. Mal werden Juden von der Inquisition mit dem Maschinengewehr niedergemäht, dann wieder grasen rote Lämmer im goldfunkelnden Eldorado. Sobald beim Zuschauer Mitleid mit dem arg gebeutelten Helden aufkommt, fährt Kosky mit Gags dazwischen. Die sind zuweilen durchaus abgenutzt, wie etwa der Lederhosen-Klamauk oder ein tuntiger Gefängniswärter.
Jede Reisestation wird mit neuen Kostümen, Chören, Tänzen prachtvoll illustriert. Da sich das märchenhafte, handlungsarme Geschehen aber über mehr als drei Stunden erstreckt, gibt es zähe Durststrecken.

Der Bassbariton Franz Hawlata gibt den abgeklärten Voltaire als Erzähler und auch den wienerisch schwätzenden Lehrer Pangloss, der noch am Galgen das Positive am eigenen Tod herbei argumentiert.
Nicole Chevalier fällt als Kunigunde in die Prostitution. In ihrer Arie „Glitter and be gay“, bei der sie im Paillettenkleid um eine Striptease-Stange kreist, sind die überdrehten Koloraturen eine gesangstechnische Meisterleistung. Aber den inneren Zwiespalt, das Hadern um den Verlust der Ehre, nimmt man ihr nicht ab.
Ohnehin wird das Paar von der 63-jährigen Anne Sofie von Otter als „alter Frau“ an die Wand gespielt. Ihr Monolog über die am eigenen Leib erfahrenen Grausamkeiten – sogar eine Pobacke hat man ihr abgesäbelt – gehört zu den eindringlichsten Momenten des Abends.
Unter den Nebendarstellern glänzt der vielseitige, komödiantisch höchst begabte Tom Erik Lie. Er verkörpert den herrlich in Silbensprache salbadernden König von Bulgarien und die handfeste Straßenkehrerin Martin in Blümchenkittel.

Am Ende darf Candide seine Kunigunde wieder in die Arme schließen. Doch beide haben sich verändert und bleiben sich fremd. Candide, inzwischen desillusioniert, strebt fortan das Glück im eigenen Haus und Garten an. Ist das nun vorbildliche Öko-Utopie oder ein Kopf-in-den-Sand-Stecken?
Kosky nimmt dazu nicht Stellung. Auch sonst schafft er es nicht, dem Stoff Brisanz zu entlocken; trotz Aktualisierungen wie etwa Flüchtlings-Schlauchbooten auf der Bühne. Spannende Fragen böte das Stück durchaus. Was hält die Sinnsucher von heute auf Trab? Welchen Illusionen unterliegen hiesige Gutmenschen und Weltverbesserer? Kosky thematisiert das nicht. Herzlichen Beifall gab es trotzdem.

Weitere Termine: am 1., 12., 21. Dezember um 19:30 Uhr. Es folgen zwei Silvestervorstellungen um 14:00 Uhr und 19:00 Uhr sowie sechs weitere Aufführungen bis zum Ende der Spielzeit.

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