Berlioz Muti

Dramatische Symphonie ohne Hauptdarsteller

Riccardo Muti Foto: Silvia Lelli

Riccardo Muti dirigiert in München „Roméo et Juliette“ von Hector Berlioz
(München, 7. November 2008) Es ist bewundernswert, mit welcher Energie und Entdeckerlust sich Riccardo Muti, nach den langen und gewiss auch nervenaufreibenden Jahren als Chefdirigent an der Scala in Mailand und beim Philadelphia Orchestra seit einiger Zeit nun ganz gezielt der Einstudierung wenig bis unbekannter Werke widmet. Schon vor einigen Jahren gab es in München ein hochgelobtes und auch auf CD erschienenes Konzert mit der Cherubini-Messe (Missa solemnis in E) zusammen mit den Musikern des BR. Seit zwei Jahren bringt Muti bei den von ihm programmierten Pfingstfestspielen in Salzburg unbekannte Werke der neapolitanischen Schule auf die Bühne. Und jetzt überraschte er das Publikum in München mit der kaum bekannten dramatischen Symphonie „Romeo et Juliette“ für Solisten, Chor und Orchester von Hector Berlioz. 1839 schrieb Berlioz dieses Werk, also noch vor den Opern „Faust“ und Les Troyens“, aber nach der „Sinfonie fantastique“.
Eine fantastische Symphonie ist dieses eigentümliche Werk ohne Frage auch. Schon die Anlage, die die beiden Liebenden nur indirekt vorkommen lässt – es gibt keine eigenen Gesangsrollen für sie, sondern „nur“ instrumentale Passagen, verblüfft. Zudem nimmt der Hörer das Geschehen durch die Erzählung anderer oder gespiegelt in den Reaktionen der Hinterbliebenen wahr, die dem Entsetzen, der Trauer und der Zerknirschung schließlich die Versöhnung folgen lassen.
Die Musik von Berlioz ist mindestens so abenteuerlich wie die inhaltliche Konstruktion. Verblüffende instrumentale Effekte wechseln sich ab mit satztechnischen und harmonischen Kühnheiten, die zu dieser Zeit kein anderer Komponist wagte. Der 26jährige Richard Wagner, der die Uraufführung in Paris erlebte, war vom Donner gerührt und empfing davon kaum zu überschätzende Eindrücke für seine eigene Entwicklung als Komponist. So erstaunt es nicht, wenn man in der Liebesmusik von „Romeo et Juliette“ bereits leise „Tristan“-Ankläge zu erkennt glaubt. Bei der Musik zum „großen Fest bei den Capulets“ schiebt Berlioz gleichsam mehrere Musikschichten in- und übereinander, ein früher Charles Ives. Der Trauergesang des Chors für die vermeintlich entschlafene Julia erinnert fast schon an Brahms, geht in der harmonischen Kühnheit aber noch über diesen hinaus. Dazwischen streut Berlioz schrille Klänge des Entsetzens und des Leids. Dann wieder hört man Anklänge an die italienische Operntradition.
Riccardo Muti dirigierte das mit großer Hingabe und Präzision, und das Symphonie-orchester des BR folgte ihm konzentriert und mit klanglicher Ausdrucksfülle. Hervorragend auch die Solisten, die sich durchweg markant gegenüber dem Orchester behaupteten: Olga Borodina (Mezzo), der Tenor Pavol Breslik und der noch junge, aber wunderbar kraftvoll singende Baß Ildar Abdrazakov. Ein großes Kompliment auch an den Chor des BR, der die sehr diffizilen Chorpassagen mit bewundernswerter Klarheit und Prägnanz interpretierte.
Heinrich Grün

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