Berlioz‘ La Damnation de Faust in Rom

Faust als Digitalisierungsopfer

Michieletto verlegt Berlioz‘„La damnation de Faust“ furios und intelligent in Rom ins Internetzeitalter

Von Thomas Migge

(Rom, Dezember 2017) Die Saisoneröffnung an der römischen Staatsoper stellt in diesem Jahr den Beginn der neuen Saison an der Scala in Mailand in den Schatten. Während in Mailand die Neuinszenierung von Umberto Giordanos Oper „Andrea Chénier“ ziemlich unspektakulär bis langweilig daherkam – jedenfalls was die einfallslose Regie von Mario Martone angeht – brillierte in Rom Regisseur Damiano Michieletto mit seiner Neuinszenierung der dramatischen Legende „La damnation de Faust“ von Hector Berlioz. In Mailand ein historisches Einerlei mit einer Anna Netrebko, die für die Rolle der Maddalena di Coigny viel zu imposant und darstellerisch zu unbeweglich war, in Rom eine wirklich brillante, überraschende und überzeugende Produktion.

Es war sehr mutig eine römische Saison mit Berlioz‘ Meisterwerk zu eröffnen. Und Intendant Carlo Fuortes‘ Mut für eine ganz und gar nicht gängige Oper wurde belohnt: mit einem ständig vollen Haus und langem Applaus. Fuortes weiß, dass er die immer noch im Schatten der berühmten Scala stehende römische Staatsoper nur mit mutigen Entscheidungen und hervorragender Qualität wieder ins internationale Rampenlicht rücken kann. Mit der „Damnation de Faust“ ist ihm das gelungen.

Daniele Gatti schaffte es seinerseits das Orchester der Staatsoper auf Spitzenniveau zu heben. Dabei machte er deutlich, dass Berlioz eine Art psychologisierender Erfinder neuer Klangfarben war, wie etwa in den Studenten- und Soldatenchören, im Tanz der Irrlichter, im Rakoczy-Marsch oder im Pandämonium des Höllenritts. Der große Chor- und Orchesterapparat ging eine perfekte musikalische Symbiose ein. Auch hier braucht Roms Staatsoper keinen Vergleich mit der Scala zu scheuen.

Der musikalische und dramatische Ansatz von Berlioz hat in seiner Innovation immer schon Regisseure provoziert und herausgefordert. In Rom versuchte sich Italiens Enfant terrible Damiano Michieletto an der Légende dramatique in 4 Teilen. Michieletto strich sämtliche Balletteinlagen und ersetzte sie durch Handlungsabläufe, die zwar vom Libretto nicht vorgegeben, die aber seiner Interpretation der Oper nützlich sind. Er siedelt die Handlung im Heute an. Sein Faust ist ein blutjunger Looser, der, anstelle der ersten Balletteinlage, zum Mobbingopfer durch Mitschüler wird. Der junge Faust ist hin und her gerissen zwischen Depression und überschäumenden Glücksgefühlen und sehnt sich nach starken Gefühlen. Michielettos Faust wird so zum Opfer eines verführerischen Mephistopheles, der bei dem Regisseur das Synonym für die Verführung durch digitale Medien wird. Faust schenkt seine Seele einem digitalisierten Teufel, der die Ahnungslosigkeit eines Youngsters ausnutzt. Michieletto läßt Mephistopheles fast immer von einem Kameramann begleiten, der Faust filmt. Eine Anspielung auf die Überwachungs- und Kontrollmöglichkeiten, die Handies und Computer schon heute besitzen, denen sich aber die User nicht bewusst sind oder bewusst sein wollen.

Michieletto entwickelt in 15 Szenenbildern innerhalb einer sterilen Whitebox Traumwelten, die schnell auftauchen und ebenso schnell wieder verschwinden, die Faust vorgaukeln, sein Leben zum Besseren hin verändern zu können. Diese Traumwelten wirken ebenso irreal wie die nicht realen digitalen Welten, in denen immer mehr junge Leute zu versinken drohen, und von denen sie abhängig werden. Fausts Pakt mit Mephistopheles wird bei Michieletto so zu einem Pakt mit Traumwelten, die er auf diese Weise zu erlangen hofft. Doch diese Traumwelten wie auch die ersehnte Marguerite verschwinden auf einen Schlag, nachdem Faust dem Teufel seine Seele versprach. Genau in diesem Moment wird aus der Whitebox des Bühnenraums ein rabenschwarzer Kasten, die Hölle auf Erden.

Michielettos Inszenierung erzeugt einen Spannungsbogen, der zum Glück durch keine störende Pause unterbrochen wird. Die Solisten, Pavel Cernoch als Faust, Alex Esposito als Mephistopheles, Veronica Simeoni als Marguerite und Goran Juric als Brander, zeichnen sich alle, ausnahmslos, durch ihre für diese Rollen perfekten Stimmen und schauspielerischen Fähigkeiten aus. Eine grandiose Inszenierung, die im kommenden Jahr auch am Teatro Regio in Turin und am Palau de Les Arts Reina Sofia im spanischen Valencia zu sehen sein wird.

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