Bergen Philharmonic

Hohe Orchesterkunst aus dem hohen Norden

Bergen Philharmonic Foto: Oddleiv Apneseth

Das Bergen Philharmonic Orchestra auf Deutschland-Tour. Erste Station war Berlin.
Von Antje Rößler
(Berlin, 15. November 2016) Bunte Holzhäuser, der Hafen mit Fischmarkt, ringsherum Fjorde und die namensgebenden sieben Berge – die zweitgrößte Stadt Norwegens vereint kleinstädtischen Charme mit jeder Menge Kultur. Auch eines der beiden staatlich finanzierten Orchester hat hier seinen Sitz. Während die Kollegen in Oslo das 100-jährige Jubiläum ansteuern, reichen die Wurzeln des „Bergen Filharmoniske Orkester“ bis ins Zeitalter Haydns zurück. Gegründet wurde das Ensemble 1765 als „Harmonische Gesellschaft“ – weshalb die Einwohner Bergens bis heute von ihrer „Harmonie“ sprechen. Seither hat das Orchester kontinuierlich musiziert.
2015, mit Beginn der Jubiläumssaison zum 250-jährigen Bestehen, hat der englische Dirigent Edward Gardner den Posten des Chefdirigenten übernommen. Der einstige Musikdirektor der English National Opera wurde zwischenzeitlich auch als Kandidat für die Nachfolge von Andris Nelsons in Birmingham gehandelt. Doch er entschied sich für Bergen, wo er nun seine zweite Spielzeit nutzt, um das Ensemble in Deutschland zu vorzustellen. Beim Tournee-Auftakt im Berliner Konzerthaus standen Edward Elgars Cellokonzert und die „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz auf dem Programm. Als Einstieg gab es Richard Wagners „Rienzi“-Ouvertüre in einer federnd-schmissigen Interpretation, die dennoch den warmen, satten Streicherklang des Orchesters zum Leuchten brachte – bis Wagner das martialisch dröhnende Blech in den Vordergrund schiebt.
Angesichts dieses auf Bewährtes setzenden Programms darf man daran erinnern, dass das Ensemble einst eine wichtige Rolle für zeitgenössische Komponisten spielte. Schon in den 1920ern kamen Jean Sibelius und Carl Nielsen nach Bergen, die beim Dirigieren eigener Werke davon profitierten, dass man das Ensemble nach dem Ersten Weltkrieg auf hundert Mann aufgestockt hatte.
In der Nachkriegszeit kamen Aaron Copland, Krzysztof Penderecki oder Luciano Berio nach Bergen. Sie reisten zum Bergen Festival, das 1953 nach dem Vorbild der Salzburger Festspiele gegründet wurde.
Nicht eben avancierte, aber gleichwohl schöne und eindringliche Musik bietet Edward Elgars Cellokonzert. Jacqueline du Pré hat dem Werk mit ihrer emphatischen Interpretation den Stempel aufgedrückt. In Berlin geht Truls Mørk das Werk schlichter und inniger an. Spieltechnisch ist der norwegische Cellist über jede Anfechtung erhaben. Er musiziert scharf, spannungsgeladen, unterschwellig brodelnd und zugleich gänzlich unsentimental. So erfüllt er Elgars Abgesang auf eine Welt, die der Erste Weltkrieg vernichtete, eindrucksvoll mit Leben. Dirigent Gardner, mehr Team-Player als Maestro, breitet den ausgedünnten Orchestersatz wie ein Netz unter dem Cello aus. Fein und präzise, wie Zahnräder, greifen die Instrumentengruppen ineinander
Höhepunkt des Abends ist Berlioz‘ „Symphonie fantastique“. Diese größenwahnsinnige, vom Rausch in die Todessehnsucht taumelnde Komposition wird von den Norwegern mit einer Leidenschaft dargeboten, die das Gerede über „nordische Kühle“ als Klischee entlarvt.
Gardner, der auswendig dirigiert, zwingt das ausladende Stück in einen geschlossenen dramatischen Bogen. Dank seiner klaren, markanten Gestik vermag er brutale Momente, Ekstase und Wahnsinn zu entfesseln, ohne je die Kontrolle zu verlieren.
Das Bergen Philharmonic stellte seine außerordentliche spieltechnische und klangliche Qualität unter Beweis. Das riesig besetzte Orchester vermag sich jederzeit kammermusikalisch aufzufächern und besticht mit einem Nuancenreichtum an Farben und Charakteren. Für den Hörer schließt sich ein Kreis zum Beginn des Abends: Man kann kaum überschätzen, wie viel Wagner der Instrumentationskunst von Berlioz verdankt.
Erst als Zugabe erklingt Edvard Grieg. Dabei stellt das Bergen Philharmonic seine enge Bindung an den norwegischen Nationalkomponisten sonst gerne ausführlich aus. Das ist auch naheliegend, war doch Grieg ein paar Jahre Chefdirigent und vererbte dem Orchester sogar einen Teil seines Vermögens. Die Berliner Konzertbesucher brachen nach Klängen aus „Peer Gynt“ in Jubel aus.
Die Tour des Bergen Philharmonic Orchestra führt durch Bremen (16.11), Braunschweig (17.11.) und München (18.11.)



Münchner Philharmoniker