Benvenuto Cellini

Opernkritik: Benvenuto Cellini

Hübsches Buchstabenfeuerwerk

Nikolay Didenko (Papst Clemens VII.) Foto: Paul Leclaire

Die Kölner Oper beeindruckt mit Berlioz‘ Benvenuto Cellini vor allem in musikalischer Hinsicht
Von Christoph Zimmermann

(Köln, 15. November 2015) Großbaustelle für Kulturdomizile: Elbphilharmonie Hamburg, Staatsoper Berlin und – inzwischen „gleichrangig“  – die Städtischen Bühnen Köln. Während das Schauspiel mit seinen derzeitigen provisorischen Spielstätten (ehemalige Industriehalle, die auch nach Abschluss der gegenwärtigen Sanierungsarbeiten genutzt werden soll) gut untergebracht ist, sind die Probleme bei der Oper heikler. Zwar hat man mit dem „Staatenhaus“ auf dem Messegelände eine Bleibe gefunden, die sich schon bei  Stockhausens „Sonntag aus Licht“ 2011 (mit teilweise theateruntypischen Anforderungen allerdings) bewährt hatte, aber dieses Gebäude würde – so die neuesten Meldungen – vermutlich über die anvisierten zwei Spielzeiten hinaus in Anspruch genommen werden müssen, weil es beim Altbau am Offenbach-Platz mit der Sanierung aus den unterschiedlichsten Gründen stagniert.

Diese Sanierung ist fast schon ein Albtraum. Über kommende Entwicklungen oder gar ein „happy end“ kann bestenfalls spekuliert werden. Den Opernspielplan hat man den aktuellen Gegebenheiten angepasst, wobei erstaunlich viel von den ursprünglichen Vorhaben umgesetzt werden kann. Reduzierte bühnentechnische Möglichkeiten erfordern freilich Kompromisse, etwa in Form konzertanter Aufführungen.

„Benvenuto Cellini“ von Berlioz gibt es jedoch szenisch, an die räumliche Situation des Staatenhauses angepasst. Ins Auge sticht, dass das Orchester hinter der Spielszene sitzt, eine Maßnahme, die auch an anderen Häusern aus unterschiedlichen Gründen schon mehrfach praktiziert wurde. Die Berlioz-Oper ist für den neuen Chef des Gürzenich-Orchesters (ein Amt, welches auch den Musiktheater-Bereich umfasst), eine Herzensangelegenheit. Francois-Xavier Roth greift sogar auf die ursprüngliche Pariser Fassung ohne die späteren Beschneidungen zurück. Dafür Dank, trotz vier Stunden Aufführungsdauer. Das Premierenpublikum gab sich tatsächlich geduldig  und feierte Roth und sein Orchester sowie den hinreißend sicheren Chor rauschend.

In der Tat interpretiert Roth die Musik von Berlioz euphorisch, mit dramatischer Zielstrebigkeit, aber auch durchsichtig bezüglich Klang und kompositorischer Struktur. Dass nicht zuletzt die rhythmisch vertrackte Karnevalsszene einwandfrei realisiert wird, dafür sorgt auch ein neben der Souffleuse sitzender Codirigent; die im Saal verteilten Bildschirme reichen offenkundig nicht aus. Im Pausengespräch mit einem Orchestermitglied war zu erfahren, dass der Klangkörper mit Francois-Xavier Roth auf denkbar kollegiale Weise und hoch inspiriert arbeitet. „Das Beste, was uns passieren konnte“, so die Kernaussage.

Die Inszenierung des „Cellini“ stammt von Carlus Padrissa (La Fura dels Baus), in Köln durch Stockhausens „Sonntag aus Licht“ (2011, ebenfalls im Staatenhaus) und „Parsifal“ (im früheren Provisorium „Oper am Dom“) bekannt. Noch in dieser Spielzeit steht weiterhin die auf einem Schiff spielende Produktion „Cantos di Sirena“ („Das Lied der Frauen“) zu erwarten. Der Zufall (oder auch anderes) brachte es mit sich, dass „Benvenuto Cellini“ zwei Wochen zuvor auch in Bonn herauskam (in gekürzter Version). Das dort ebenfalls äußerst elektrisierende Dirigat von Stefan Blunier muss mit dem etwas weniger kantigen Stil von Roth nicht unbedingt wertend verglichen sein. Die optischen Eindrücke jedoch sind sehr unterschiedlich, mit einem nicht unerheblichen Vorsprung in Bonn.

Laura Scozzi gelang es bei ihrem zunächst für Nürnberg erarbeiteten Konzept, das außenseiterische Künstlertum Cellinis stimmig ins Heute zu übersetzen. Padrissa verhält sich eher historisierend, was bei den Kostümen (Chu Uroz) besonders markant sichtbar wird. Der Papst-Auftritt (auf einem für den Regisseur typischen Hochwagen) gerät beispielsweise konventionell statisch, während die freche erotische Einfärbung in Bonn eine ganz andere Bodenhaftung aufweist und durch Witz für sich einnimmt. Padrissa gefällt sich mehr in optischen  Spielereien und Symbolandeutungen, die bei wiederholtem Sehen aber an Wirkung verlieren. Zudem wird viel an der Rampe gesungen. Die beweglichen und vielfach illuminierten Bühnenaufbauten von Roland Olbeter und die an Seilen durch die Luft schwingenden Personen fesseln das Auge zeitweilig, doch wirkt auch hier früher oder später der Abnützungseffekt. Dass Cellinis Gehilfe Ascanio während seiner Arie (bei der Katrin Wundsam nochmals aufdreht und ihren höhenbrillanten Mezzo so richtig erblühen lässt) peu à peu zu einer Frau wird und sich zuletzt in Umarmungen mit dem doch eigentlich ziemlich jämmerlichen Fieramosco verliert (dem Nikolay Borchev mit seinem festen und doch geschmeidigen Bariton gleichwohl Kontur verleiht), leuchtet noch weniger ein als einzelne Regieideen zuvor.

Die Bewunderung Padrissas für den historischen Cellini schlägt sich in ausgiebigen Zitaten aus dessen Autobiografie nieder, die während der Ouvertüre und auch später als Schriftzüge über Gazevorhang und Bühnenboden huschen. Nicht immer vermag das Auge zu folgen. Und wenn dann noch weitere optische Einblendungen hinzukommen, sieht man schließlich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Aber das Ganze ist natürlich ein hübsches Buchstabenfeuerwerk.

Alle Sänger debütieren in ihren Partien, ein Besetzungs-Clou, der vor einigen Jahren auch bei Monteverdis „Poppea“ gelang. Ferdinand von Bothmer gibt sich in der Titelpartie schlankstimmig, in den oft extremen Höhen so gut wie untadelig und überzeugt als Draufgänger auch darstellerisch (wobei die Figurenzeichnung in Bonn noch etwas mehr Pep hat). Als Teresa lässt Emily Hindrichs ihren hellen Sopran schimmern und glitzern. Die opéra-comique-geprägte Figur des Balducci, Teresas pädagogisch gänzlich unbedarfter Papa, verkörpert Vincent Le Texier sehr komödiantisch, mit seinem kernigen Bass tönt Papst Nikolay Didenkos macht- und wirkungsvoll von seinem Himmelspodest herab. In kleineren Partien fügen sich John Heuzenroeder (Francesco), Lucas Singer (Bernardino) und Wolfgang Stefan Schwaiger (Pompeo) lebendig ins Geschehen.

Der Kölner Saisonauftakt ist wie geschildert keiner mit Pauken und Trompeten, aber ein ehrgeiziger und verdienstvoller, musikalisch sogar überragend. Jetzt darf man darauf gespannt sein, wie Michael Hampe bei seiner „Bohème“ in einer Woche die Bühnenverhältnisse des Staatenhauses in den Griff bekommt.

Vor Beginn der Berlioz-Premiere traten Operndirektorin Birgit Meyer und Francois-Xavier Roth vor das Publikum und gedachten der Vorgänge in Paris. Es erklang die Marseillaise in der Berlioz-Version, danach gab es eine Schweigeminute.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.