Benvenuto Cellini von Berlioz in Salzburg

Wüster Kindergeburtstag

Brindley Sherratt (Balducci), Maija Kovalevska (Teresa) Foto: Baus


Philipp Stölzl und Valéry Gergiev überfrachten "Benvenuto Cellini" bei den Salzburger Festspielen 
Salzburg (10. August 2007) Es war der ganz große Kindergeburtstag – mit unzähligen bunten Luftballons, Bergen von Konfetti, wilden Verkleidungen, Prügel-Orgie mit Mop und Reisigbesen, Ballern mit dem Gewehr, Filmprojektionen, schrillem, improvisiertem Theaterspiel und sogar noch überbordendem Feuerwerk. Zwar spielt das Stück, das hier mit immensem Aufwand auf die Bühne des Großen Festspielhauses in Salzburg gewuchtet wurde, im Karneval und birst geradezu vor maßloser, satirischer, wilder Musik von Hector Berlioz. Doch "Benvenuto Cellini" erzählt von Liebe, Lust auf Karriere, Kunst und Macht, enthält den ersten Arbeiter-Streik-Chor der Musikgeschichte und zeigt am Ende furios, wie auf offener Bühne die berühmte Perseus-Statue des Renaissance-Bildhauers Cellini gegossen wird.
Natürlich darf, ja muss man das effektvoll zeigen. Aber der junge Regisseur Philipp Stölzl – gelernter Kostüm- und Bühnenbildner, der Shows für Madonna und Rammstein, Marius Müller Westerhagen und Die Ärzte, Luciano Pavarotti und Die Toten Hosen gestaltete und zwei Filme drehte – verschießt in seiner zweiten Inszenierung einer Oper (nach dem "Freischütz" in Meiningen) sein Pulver gleich in den ersten Minuten. Damit bringt er alle Beteiligten um das Empfinden jeglicher Steigerung oder Spannung, werden Handlung und Personencharakteristik zur Nebensache.
Wie für die Verfolgungsjagd eines film noir oder eines Thrillers à la Hitchcock ist zu Beginn ein begehbares Dach nachgebaut, zeigt sich am Horizont realistisch genau das Häusermeer eines fiktiven postmodernen Rom, über dem Hubschrauer kreisen, das Ganze in einer raffinierten Mixtur aus scheinbar Gebautem und Animation. Cellini kommt hier nicht einfach durch die Tür, um die junge Teresa zu treffen, sondern schwebt im Helikopter herein. Sein Nebenbuhler Fieramosca muss permanent in und über Schornsteine klettern. Laurent Naori tut das grandios spielfreudig und ebenso geschmeidig wie prägnant singend. Teresa wiederum (Maija Kovalevska mit nicht nachlassendem Sopranglanz und furioser Attacke) darf sich für ihre große Arie gleich dreimal umziehen.

Burkhard Fritz (Benvenuto Cellini), Maija Kovalevska (Teresa), Brindley Sherratt (Giacomo Balducci) Foto: Baus

Auch ansonsten ist hier nichts in einfacher Ausführung zu bekommen, sondern muss gleich gigantische Ausmaße annehmen. Also zitiert Stölzl ausgiebig die schwebenden Züge und Autobahnen aus Fritz Langs Stummfilmklassiker „Metropolis“, entlehnt er dort die Idee, Cellinis Lehrling Ascanio als Roboter agieren zu lassen und ist auch sonst um kein Filmzitat verlegen. Die junge amerikanische Mezzosopranistin Kate Aldrich – eingesprungen für Vesselina Kasarova – hat glücklicherweise keine Probleme, sich virtuos eckig zu bewegen und dabei rund und in allen Lagen sicher zu singen.
Im zweiten Akt zähmt Stölzl die Bilderflut endlich, setzt mit Licht erstmals genaue Akzente statt die Bühne mit bunt schillernder Zuckerguss-Beleuchtung zu garnieren. Jetzt sind sogar die s/w-Projektionen im Hintergrund präzise auf das Geschehen im Vordergrund abgestimmt, schwenkt das Bild etwa von den Grundmauern des Kolosseums über Baukräne in den Himmel, während vorne Cellini im Liebesduett Teresa hält wie einst am Bug der „Titanic“ Leonardo seine Kate. Hinreißend komisch gelingt Stölzl der schon in der Musik grandios parodistisch, pompös und beißend ironisch angelegte Auftritt des Papstes (ein würdevoller Geck in Stimme und Erscheinung: Mikhail Petrenko) als Popstar inmitten schriller Schweizer Gardisten wie aus dem Fantasy-Film und zweier blonder Tunten, die Goldglitzer werfend ihn umschlängeln und umgarnen mit einem Ballett der Hände, Hüfte, Beine und Füße.
Leider findet Stölzl für die eminent dramatische und bühnenwirksame Schluss-Szene des Gusses der berühmten Perseus-Statue erneut keine zwingende szenische Umsetzung, so gigantisch auch die Requisiten dafür aussehen und wieviele Statisten und Mitglieder des Wiener Staatsopernchors auch immer dabei herumwuseln. Das allerletzte Tableau ähnelt mit einer Fähnchen schwingenden Masse unter Luftschlangen-Regen fatal chinesischen Propaganda-Aufzügen.
Burkhard Fritz, der für Neil Shicoff alle Vorstellungen übernommen hat, ist als Erscheinung durchaus der vitale, selbstsichere, draufgängerische Renaissance-Bildhauer, doch stimmlich schont er seinen feinen, keineswegs lyrischen Tenor allzu sehr. Vielleicht hat er vor den Klanggewittern kapituliert, die Valéry Gergiev mit den Wiener Philharmonikern entfacht. Kaum ein Hauch von französischer clarté, von präziser Artikulation, von differenziertem Klang, von federnder Rhythmik, von abgestufter Dynamik beim Musizieren dieser zugegeben heiklen, schwierigen, von den Philharmonikern wohl noch nie gespielten Partitur. In der Karnevalsszene ereignet sich dabei nur noch eines: Tumult, dem man dem gut präparierten Chor nicht anlasten darf. Einem Weltklasse-Orchester und einem nicht minder berühmten Dirigenten sollte dergleichen in einer Festspielproduktion nicht passieren. Das Salzburger Premierenpublikum applaudiert dennoch begeistert, war anscheinend auch mit Philipp Stölzl einverstanden.
Klaus Kalchschmid
Am Mittwoch, 15. August (20.15 Uhr) zeigt 3SAT einen Mitschnitt der Produktion.
Weitere Vorstellungen in Salzburg: 15., 18., 21., 26. und 30. August.

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