Benjamins Lessons in Love and Violence in Lyon

Macht und Machtmissbrauch

George Benjamins neue Oper „Lessons in Love and Violence“ spürt den Abgründen von Macht in der Politik nach. Die Oper Lyon landet damit einen großen Erfolg.

Von Robert Jungwirth

(Lyon, 20. Mai 2019) Die Disruption des Staates ist schon weit fortgeschritten bevor das Stück überhaupt beginnt. Das Volk leidet und wehrt sich, das Militär hält drauf. König Edward kümmert sich darum nicht. Er hat mit seinem Privatleben genug zu tun. Woraufhin ihm sein Militärchef Mortimer die Liebe verbietet, denn sie gefährde den Staat. Dass Edward neben seiner Ehefrau auch noch einen Mann liebt und mit ihm eine Beziehung unterhält, ist zwar ungewöhnlich und für seine Regierung nicht grade hilfreich, aber der homoerotische Aspekt steht nicht im Zentrum der Oper, nach dem Schauspiel Edward II. von Philipp Marlowe. Martin Crimp und George Benjamin geht es in ihrer Kammeroper „Lessons in Love and Violence“ um den Niedergang eines Staates, weniger um die Bisexualität eines Herrschers.

Macht und Machtmissbrauch, Macht und die Unfähigkeit damit verantwortungsvoll umzugehen liegen nicht selten nah beieinander, und die Herrschenden geben sich alle Mühe nach außen ihre Defizite zu übertünchen. Das sehen wir aktuell etwa in der Verkommenheit und Skrupellosigkeit rechtspopulistischer Politiker in Österreich, Ungarn, Polen oder den USA. Insofern ist dieses gut 400 Jahre alte Theaterstück hoch-aktuell. Regisseurin und Bühnenbildnerin Katie Mitchell zeigt diese Aktualität ohne dabei konkret werden zu müssen. Ein zeitgenössisches herrschaftliches Setting (Schlafzimmer, in denen geliebt und auch regiert wird wie im Barock) reicht dafür vollkommen aus. Das Personal ist ohnedies austauschbar. Gleich ist ihnen allen, dass sie sich den Staat zur Beute machen, dass sie das Recht zu ihren Gunsten beugen, den Rechts-Staat und seine Menschen verachten und verraten.

Crumb hat Marlowes Stück radikal gekürzt, auch und vor allem was das Personal angeht. Er konzentriert sich auf die unheilvolle menage à quatre. Denn Edwards Gattin Isabelle unterhält ihrerseits ein Verhältnis mit Mortimer. Mord und Totschlag, wie sie Marlowes Stück so drastisch kennzeichnen, gibt es hier auch, aber abgemildert. Edwards Tod am Ende wird zu einem rätselhaften Symboltheater sublimiert, zu dem Benjamin entsprechend suggestiv rätselhafte Klänge gefunden hat. Wie überhaupt der Erfolgskomponist mit diesem Stück ein weiteres Mal seine außerordentliche Begabung für eine zeitgenössische psychologisierende Musiksprache unter Beweis stellt, wenngleich manches etwas zu belcantistisch geraten ist. Vor allem die Partie Edwards mit ihrer fortwährenden Kantilenenhaftigkeit enthält zu viel des Guten und Schönen auf Kosten des Wahren. Doch wie bemisst sich schon musikalische Wahrheit in der Oper? The unanswered question.

An die Stringenz und Überzeugungskraft der textlichen und musikalischen Erzählung von „Written on Skin“ reicht dieses neue Produkt des Erfolgsteams Benjamin/Crimp allerdings nicht heran – auch wenn die Oper die Abgründigkeit von Macht und Machtmissbrauch so glaubhaft transportiert, dass man sie fast schon als normal amsieht.

Katie Mitchels Regie ist ein intimes, spannungsgeladenes Kammerspiel, das die Banalität des Bösen glaubhaft verdeutlicht (auf die leicht albernen Slow-Motion-Einlagen hätte sie dabei gerne verzichten können) – und sie auch noch genealogisch fortführt. Und wo bleibt die Hoffnung? Wird Edwards Sohn vielleicht doch noch ein besserer Herrscher nach all dem Grauen, das er miterleben musste? Die kleinere Schwester – eine stumme Rolle – ist jedenfalls schon zum Monster mutiert und rennt am Ende mit einer Pistole über die Bühne.

Die Sänger dieser 4. Produktion nach der Londoner Uraufführung im Mai 2018 sind allesamt hervorragend, allen voran Stéphane Degout als Edward, Gyula Orendt als Gaveston, Peter Hoare als Mortimer und Georgia Jarman als Isabell, die Frau Edwards. Die Aufführungen sind jeweils als Koproduktionen zusammen mit London geplant worden, werden aber zum Teil mit anderen Sängern und Dirigenten umgesetzt. Eine ganz ausgezeichnete Leistung bietet in Lyon auch der noch junge französische Dirigent Alexandre Bloch, der Benjamins fein ausgehörtes Klangpanoptikum mit großem Gespür für dessen expressives Potential zu gestalten weiß. Das Publikum war begeistert.

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