Belle Helene Genf

Opernkritik: La belle Hélène

Jackie Onassis‘ dritte Leidenschaft

Veronique Gens als Belle Hélène Foto: Carola Parodi / GTG

Robert Sandoz verlegt Offenbachs Opéra bouffe "La belle Hélène" für Genf ins Griechenland des 20. und 21. Jahrhunderts. Véronique Gens gibt die schönste Frau des Landes.
Von Oliver Schneider

(Genf, 16. Oktober 2015) Wegen Helenas Liebe zum trojanischen Prinzen Paris ziehen die Herrscher Griechenlands nach Troja, für dessen Zerstörung sie zehn Jahre brauchen werden: Um den Raub der Schönen als Kriegsauslöser geht es in Jacques Offenbachs zweiter großen Antiken-Opéra bouffe nach "Orphée aux Enfers". Wobei Offenbach die Mythologie nur als Folie für die Pariser Gesellschaft nutz: Politiker und Militärs, dekadente Gestalten – heute würden ihn vielleicht die Sternchen in der Regenbogenpresse interessieren –, aber auch die Müßiggänger der Boulevards und die Kokotten. Die Namen dieser Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts würden uns – außer Napoleon III. – wenig sagen, weshalb der Schweizer Regisseur Robert Sandoz richtigerweise Offenbachs zeitkritische Parodie in eine uns nähere Welt überführt.
Griechenland ist aufgrund der Finanzkrise seit einigen Jahren wieder aktueller denn je. Im Containerhafen von Piräus darf Paris die ihm versprochene schöne Helena erobern: Es ist … Jackie Kennedy Onassis. Ihr greiser Menelaos (schöne Wiederbegegnung mit Raúl Gimenéz) alias Aristoteles Onassis interessiert sich schon lange nicht mehr für Containerschiffe, sondern bastelt lieber an seinem Modell-Holzsegelschiff (Bühne: Bruno de Lavenère). Als brave Ehefrau bringt sie ihm am Mittag im guten alten Henkelmann Selbstgekochtes und die Lunchbox dazu. Ansonsten langweilt sie sich, wie alle Frauen in Piräus, zu Tode. Aber zum Glück gibt es in der prüden Stadt zumindest ein Etablissement, das eine gewisse Zeit auch den Damen Abwechslung verschafft.
Die übrigen Könige Griechenlands – Menelaos wäre ja eigentlich der Herrscher über Sparta – lässt Sandoz als alternde Tyrannen und Diktatoren auftreten, wobei Ajax I immerhin noch fit genug zum Rappen ist (Fabrice Farina). Ihren Einzugsmarsch inszeniert Sandoz ähnlich dem Defilee der Zünfte und Meister auf Richard Wagners Nürnberger Festwiese.

Der Großsaugur Kalchas (für sich einnehmend Patrick Rocca), der im Brotberuf Fleischer ist und mit Wonne den Hühnern den Hals umdreht, setzt alles daran, dass sich der göttliche Wunsch für Helena und Paris erfüllt. Er ist ohnehin ein Faktotum, ein Alleskönner: Fleischhauen, das Schicksal lenken, Helena die Hände maniküren. Verliebt ist er eigentlich auch in die attraktive Dame. Im zweiten Akt betätigt er sich noch als bestechlicher Zollbeamter, der beide Augen zudrückt, wenn die Tyrannen antike Statuen oder Teile davon in ihre Reiche abtransportieren. Korruption, das EU-Spardiktat und natürlich Angela Merkel sind die Themen, die sich bestens in das witzige Libretto von Ludovic Halévy und Henri Meilhac einbauen ließen.

Dass Helena an Paris Gefallen findet, ist erstaunlich, wirkt Florian Cafiero doch nicht gerade wie ein Latinlover, eher wie ein noch unreifer, schüchterner Schuljunge. In seinem Auftrittscouplet „Au mont Ida“ kämpft er auch mit den vertrackten Sprüngen, gewinnt aber im Lauf des Abends an Sicherheit.
Helenas Liebestraum findet – passend für die Reedersgattin – im Container statt, bei dem das Paar von Menelaos ertappt wird. Mehr überlegen als frivol gebärdet sich Véronique Gens hier und ebenso den Rest des Abends. Ein bisschen lockerer dürfte sie sich für die Partie geben, so makellos sie sie singt. Insbesondere ihr Couplets „Là, vrai, je ne suis pas coupable“ im dritten Akt.

Kollektives Fröhlichsein

Als die „Spartaner“ Zeugen des Ehebruchs werden, empfinden sie das als Skandal und bewerfen das Liebespaar mit ihren Plüschtieren und –tierchen. Doch durch das Einwirken von Venus verfällt die ganze Stadt im letzten Akt in einen Party- und Liebestaumel und feiert leichtbekleidet die neu gewonnene Freiheit. Conchita Wurst (eigentlich Orest) hat sicher auch ihren Teil dazu beigetragen (Kostüme: Anne-Laure Futin). Maria Fiselier füllt die Hosenrolle stimmlich und darstellerisch hervorragend aus. Und Kalchas stachelt das Volk an: „Es ist der Venus‘ Reich/ein Reich, froh und fidel./Ah, ich bin froh, seid ihr froh/s’ist mein Wort, mein Befehl.“

Der Fröhlichkeit kann nicht einmal der finale Raub der Helena etwas anhaben. Helena und Paris entschweben passend im Container. Ärgerlicher ist für die Griechen, dass sie die angeblich von Venus angeordnete Reise Helena nach Kythera zahlen müssen. Wegen der Sparmaßnahmen. Zum Ausgleich werfen die Fliehenden den Griechen immerhin Geld zu, das die Griechen gerne nehmen.

Gérard Daguerre besorgte das musikalische Arrangement, das vom Orchestre de Chambre de Genève in den ersten beiden Akten in der besuchten zweiten Vorstellung zwar tadellos, aber etwas trocken gespielt wurde. Am Pult steht Chordirektor Alan Woodbridge, während Daguerre am Klavier sitzt. Bläserlastig wie schon bei der Uraufführung 1864 im Théâtre des Variétés in Paris, ein bisschen jazzig und mit Latinoanklängen, klingt es jetzt in Genf, was Offenbachs Musik gut bekommt. Wäre das Publikum nicht erst beim choreographierten Applaus mitgegangen, hätte das Orchester sicherlich von Anfang mit so viel Energie und Feuer wie am Schluss des kurzweiligen Abends musiziert.

Weitere Aufführungen:
18., 20., 21., 23., 24. und 25. Oktober. Karten und Informationen: www.geneveopera.ch, Tel. +41 22 322 50 50.

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