Bejun Mehta München

Geliebter Schatten

Countertenor Bejun Mehta begeisterte im Münchner Prinzregententheater mit Kastratenarien von Georg Friedrich Händel
(München, 10. Dezember 2012) Fast zehn Minuten dauert diese grandiose Adagio-Arie und sie bildet nicht nur den Titel von Bejun Mehtas exzellenter Händel-CD, die vor zwei Jahren erschien, sondern war auch das einsame Zentrum seines Konzerts im Prinzregententheater – wieder mit dem wunderbaren Freiburger Barockorchester und einem reinen Händel-Programm: "Ombra Cara" ist schon als Komposition ein Juwel, aber wie Mehta seine flexible, schön timbrierte Counterstimme abtönt, eindunkelt, wie er phrasiert und allen Schmerz dieser Welt in sein Singen legt, das ist einfach großartig. Wie zutiefst anrührend, wenn da ein Mann mit hoher, verletzlicher Stimme davon singt, wie er seiner toten Frau bald ins Jenseits nachfolgen will. Auch die zarte, kleine, fast liedhafte Arie des Unulfo aus "Rodelinda" rührte – die Zugabe – ungemein zu Herzen.
Begonnen hatte das Konzert freilich großartig extrovertiert: mit dem Glück der Liebe von "Sento la gioia" aus "Amadigi“" und der sturmgeschüttelten Seele im "Agitato da fiere" aus "Riccardo Primo". Höhepunkt der ersten Konzerthälfte war dann die großartige, wild zerklüftete Wahnsinns-Szene der Titelfigur aus dem "Orlando", nach der es die ersten Ovationen des Publikums gab. Vollkommen zu Recht, denn auch hier stieg Mehta tief in die seelischen Abgründe der Partie hinab und gestaltete eine erschütternd vielschichtige Szene, endend im Schlaf des Vergessens und der Heilung des verwirrten Geistes. Umso virtuoser dann als Abschluss des Konzerts das effektvoll koloraturgesättigte "Fammi combattere" ebenfalls aus "Orlando". Hier zeigte sich einmal mehr, dass Bejun Mehta neben Philippe Jaroussky und Max Emanuel Cencic zu den absoluten Stars der Counter-Szene zählen darf, dem alles scheinbar mühelos gelingt, nicht zuletzt absolut sichere, perfekte Fiorituren und traumhaft schöne Phrasierungen.
Der zweite großartige Protagonist des Abends war das herrlich dunkel und warm grundierte Originalklang-Orchester, geleitet von Konzertmeisterin Petra Müllejans. Es steuerte nicht nur die Ouverüren zu "Agrippina" und "Atalanta", die Sinfonia "Tempesta di Mare" ("Riccardo Primo"), die "Sinfonia infernale" aus dem "Admeto" oder die Passacaille aus "Rodrigo" bei, sondern mit dem Concerto grosso g-moll op. 6/6 ein ungemein packendes, in jedem Takt, ja in jedem Ton hoch inspiriert gespieltes Stück, das klang, als würde die Musik gerade erst komponiert.
Klaus Kalchschmid

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.