Behzod Abduraimov beeindruckt in Köln

Junger Wilder

Der Pianist Behzod Abduraimov bot Virtuoses bei seinem Auftritt in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 11. März 2019) Um von Künstlern einen umfänglichen Eindruck zu gewinnen, kann Visuelles durchaus von Belang sein. Der Auftritt des 29jährigen, aus Taschkent stammenden Pianisten Behzod Abduraimov in der Kölner Philharmonie war leider nur von einem rechten Seitensitz aus zu verfolgen, was eine Sicht auf die Hände Abduraimovs verbarg, sofern sie sich nicht im hochgestellten Deckel des Flügels spiegelten. Bei diversen Youtube-Aufzeichnungen dagegen ist die Körpersprache des jungen Pianisten dank Kameranähe wirklich elementar zu erleben. Behzod Abduraimov sitzt in der Regel weit über die Tasten gebeugt, die Blicke scheinen sich am Spiel seiner Finger kontrollierend festzusaugen.

Das scheint auch belangvoll, denn das Repertoire des Pianisten besteht, so weit recherchierbar, vorrangig aus Werken virtuosen Anstrichs. Dass Behzod Abduraimov im Konzerthaus Dortmund drei Spielzeiten lang in der Veranstaltungsreihe „Junge Wilde“ auftrat, kann man somit als besonders stimmig empfinden. Auch die bislang vorhandenen CD-Aufnahmen lassen interpretatorische Grandeur ahnen: Klavierkonzerte PeterTschaikowskys (Nr. 1) und Sergej Prokofjew (Nr. 3) sowie ein Solorecital u.a. mit Franz Liszts Mephisto-Walzer und dem Danse macabre von Camille Saint-Saens.

Liszt als Auftakt auch in Köln. Zu den Klaviertranskriptionen des Komponisten gehören u.a. 15 Nummern nach Musik von Richard Wagner, seinem Freund und nachmaligen Schwiegersohn. Bei „Isoldes Liebestod“ präludiert der Komponist die schwärmerische Melodie des „Mild und leise“ mit ein paar schroffen Akkorden, welche dem zweiten Aufzug entnommen sind. Das ist fast als musikalisches Motto zu verstehen, denn Liszt lässt Wagners Klänge nicht so sehr rauschen und raunen, als dass er ihnen eine konzise, dramatische Kontur verleiht. Behzod Abduraimov verstärkte mit seinem muskulösen Anschlag diese Tendenz, nahm das Gesangliche nur bedingt schwärmerisch. Der erotische Sog der originalen Musik wurde damit leicht unterdrückt, ihr Sphärencharakter ernüchtert.
Zwar hat Liszt Zärtlichkeit bereits von sich aus gekappt, aber das wäre pianistisch aufzufangen gewesen. Gleichwohl wohnte seiner Interpretation eine starke Faszination inne.

Bei Sergej Prokofjews „Romeo und Julia“ (zehn Stücke für Klavier) war der Pianist erkennbar mehr zu Hause. Zwar gibt es in dem Abschnitt „Bruder Laurentius“ und auch beim Abschied des Liebespaares Entrücktes zu hören, doch steht bei den Auszügen aus dem Ballett das virtuose Element im Vordergrund, besonders ausgeprägt bei „Das Mädchen Julia“ und „Mercutio“. In diesen Sätzen kam das klare, bei Bedarf kantige Spiel von Behzod Abduraimov besonders gut zur Geltung. Aber Musik mit weicherer Atmosphäre wurde ebenfalls stimmig getroffen.

Eine vielfarbige Szenenabfolge bilden auch Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstallung“. Im Konzertsaal hat die Orchestrierung Maurice Ravel die Originalfassung fraglos überflügelt. Der glänzende Instrumentator vermag natürlich auf eine größere Farbpalette zurückzugreifen als das Klavier. Dabei wird nicht nur das bombastische Finale („Das große Tor von Kiew“) ins Gigantische gesteigert. In „Samuel Goldberg und Schmuyle“ gibt das schneidende Trompetengezeter beispielsweise mehr Klangdrastik her als ein noch so harter Klavieranschlag. Aber so, wie man inzwischen beim „Boris Godunow“ statt der „beschönigenden“ Bearbeitung Nikolai Rimsky-Korsakows die Urfassung bevorzugt, findet auch die Klavierversion verstärkt ihre Befürworter, welche ihre eigene Farbigkeit und Expansionskraft besitzt.

Behzod Abduraimov langte jedenfalls lustvoll zu, wobei er den Finalsatz mit stark verbreiterten Tempi in seiner Vitalität extrem steigerte und sich hier auch einen reichen Pedalgebrauch leistete, welchen er sich zuvor (außer bei „Gnomus“) bewusst versagt hatte. Die „Küchlein in ihren Eierschalen“ wirbelten am Ohr des Hörers nur so vorbei, auch der „Marktplatz von Limoges“ quoll schier über von hektischem Leben. Düster und verhangen hingegen „Cum mortuis in lingua mortua“.

Die zugegebene „Campanella“-Etüde von Liszt, hinreißend zirzensisch geboten, kann längst als persönliches Etikett von Behzod Abduraimov gelten.

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