Beethovenzyklus

Heroisch, zwingend, dramatisch

Christian Thielemann dirigiert die Wiener Philharmoniker Foto: ORF/Ali Schafler

Es sollte das Klassikereignis des Jahres werden, und das wurde es: Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker präsentierten ihren Beethovenzyklus in Berlin

(Berlin, 1.-5. Dezember 2010) Trotz klirrender Kälte war die seit Monaten ausverkaufte Philharmonie bis auf den letzten Platz besetzt, wurden noch zusätzlich Stühle aufgestellt, versammelten sich im Publikum auch die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident – ein Staatsbesuch wie selten an diesem Ort.
Schließlich gibt es auch nicht viele Gelegenheiten, diesen mittlerweile auch bei C Major Entertainment auf DVD erschienen Zyklus live zu erleben. Berlin ist die zweite Station nach Paris, weiter angedacht sind noch Aufführungen in Japan (2013) und Moskau.

Manch einer mag vielleicht seine Zweifel gehabt haben, ob es gelingen kann, sich wieder verstärkt an Furtwängler oder Karajan zu orientieren, wie Thielemann es sich ganz bewusst vorgenommen hat, nachdem in jüngeren Zeiten Originalklangexperte Roger Norrington oder Paavo Järvi ganz andere Richtungen einschlugen. Doch solche Bedenken waren in Windeseile zerstreut, ohne dann man die eine gegen die andere Interpretation auszuspielen braucht. Man ist vielmehr dankbar, dass der Zeitgeistverweigerer Thielemann keinen Moden, sondern eigenen Überzeugungen folgt. Und es macht Staunen, dass doch verschiedene Lesarten nebeneinander ihre Berechtigung haben.

Von wegen ein romantischer Klang sei dicklich und klebrig: Die Wiener betören vielmehr mit einem unnachahmlich edlen, schlanken, eingedunkelten- und bei all diesen Qualitäten auch stets transparenten Klang. Spielen die Streicher eine einfache Melodie, dann besitzt sie allemal die angemessene Schlichtheit.
Ansonsten besitzen diese Wiedergaben alles, was Beethovens Sinfonik ausmacht: das Heroische, Dramatische in den Kopfsätzen, eine Grazilität in den Scherzi und Menuetten, eine wunderbare Innigkeit und Zartheit im Lyrischen. Bei den Finalsätzen, vor allem in der Eroica und in der Fünften, fühlt man sich unweigerlich an den jungen Feuerkopf Celibidache erinnert, so kraftvoll, leidenschaftlich und vor allem überraschend schnell geht Thielemann sie an.

Seine größte Meisterschaft aber zeigt der Berliner in den langsamen Sätzen, bei denen er sich alle Zeit der Welt gönnt und eine subtile Pianokultur hören lässt, wie sie im Konzertsaal selten geworden ist. Mucksmäuschenstill war es vor den Einsätzen zum Trauermarsch der Siebten, zum Marcia Funebre in der Eroica oder zum Adagio molto e cantibile der Neunten, kein Huster stört, wenn die Streicher wie aus dem Nichts einsetzen, ihren Melodien emotionale Tiefe geben, den Teppich bereiten für die Soli der Holzbläser, bei den Wienern eine Sektion der Extraklasse. Man spürt, wie die Musiker, von denen einige diese Sinfonien gewiss schon Dutzende von Malen gespielt haben, diese Abende in besonderer Weise genießen, fern von jeglicher Routine, hoch konzentriert und mit einem wohltuenden heiligen Ernst bei der Sache.

Einige Momente wird man gewiss in besonderer Erinnerung behalten, etwa das mystische, fast fahle, leise Gänsehaut-Grummeln im Finale der Fünften, wenn die Musik sich ins strahlende C-Dur bahn bricht, oder eine bislang kaum so beachtete Fermatenstelle im Allegro molto der Zweiten, an der Thielemann den Vorgriff auf die Neunte deutlich macht. Vorzüglich auch die vom exquisiten Konzertmeister Rainer Küchl ungemein zart vorgetragene Violinmelodie im Hirtengesang der "Pastorale" und einfach grandios die irrlichternde Pizzikato-Introduktion zum Finale der Eroica, die Thielemann wie einen geheimnisvollen Spuk inszeniert! Wie die Wiener selbst auf kurzer Wegstrecke Crescendi und Decrescendi anlegen, – sagenhaft!

Nicht ganz so glücklich gewählt war die Besetzung der Solisten in der Neunten. Während sich der Berliner Rundfunkchor, der sogar ohne Noten antrat, einmal mehr als ein ebenbürtiger Partner eines Spitzenorchesters erwies, mühten sich Annette Dasch (Sopran), Robert Dean Smith (Tenor) und Robert Holl (Bass) an ihren hohen Tönen ab.
Solche kleineren Schwächen aber fallen nicht weiter ins Gewicht. In Erinnerung bleibt ein zwingender, aufwühlender, umjubelter Beethoven-Zyklus, der neue Maßstäbe setzt und schon jetzt seinen festen Platz in der Aufführungsgeschichte sicher hat.

Kirsten Liese

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