Beat Furrer erhält Ernst von Siemens Musikpreis

Der österreichisch-schweizerische Komponiste Beat Furrer erhält den diesjährigen Ernst von Siemens Musikpreis. Die Auszeichnung ist mit 250.000 Euro dotiert.

(23. Januar 2018) „Beat Furrer gestaltet seit vielen Jahren die musikalische Gegenwart auf die eindrücklichste Art und Weise. Sein Einfluss auf jüngere Generationen von Komponisten und Interpreten ist enorm“, heißt es in der Begründung der Stiftung. Das Kuratorium der Ernst von Siemens Musikstiftung zeichnet den 1954 in der Schweiz geborenen für ein kompositorisches Lebenswerk aus, „das sich über alle musikalischen Gattungen erstreckt und von geradezu suggestiver Kraft ist. Seiner eigenen Klangsprache stets unverkennbar treu bleibend, reproduziert Furrer niemals Erprobtes, sondern führt musikalische Ideen mit jedem neuen Werk einen Schritt weiter und erkundet unbekanntes ästhetisches Terrain“.

Furrer wächst im schweizerischen Schaffhausen auf, wo er ersten Musikunterricht am Klavier erhält. Nach seinem Umzug nach Wien 1975 wird er an der dortigen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Schüler von Roman Haubenstock-Ramati und studiert Dirigieren bei Otmar Suitner. Auch Luigi Nono hat maßgeblichen Einfluss auf den Kompositionsstudenten. Bereits Furrers frühe Werke in der ersten Hälfte der 1980er Jahre entfalten aus einer klug inszenierten Poetik der Brüche und Gegensätze, die bereits damals Furrers ausdifferenziertes Ausdruckspektrum erahnen lässt, einen narrativen Sog auf den Hörer. Bald interessieren sich bedeutende Ensembles für den jungen Komponisten. Das Arditti Quartet führt 1985 sein erstes Streichquartett auf. Illuminations für Sopran und Kammerensemble wird im selben Jahr vom Ensemble Modern uraufgeführt. Seinen musikalischen Gestaltungswillen setzt Beat Furrer konsequent mit der Gründung eines Ensembles für zeitgenössische Musik um, der Société de l’art acoustique, das er 1985 mit dem Verleger und Unternehmer Viktor Liberda ins Leben ruft. Seit 1988 tritt das Ensemble unter dem Namen Klangforum Wien auf, mit dem es sich Weltruhm gespielt hat. Furrer leitet das Klangforum Wien bis 1992 und ist ihm bis heute als Dirigent eng verbunden. Das Festival Wien Modern widmet Beat Furrer bereits in seinem Gründungsjahr 1988 eine Porträtreihe. Nur ein Jahr später erhält er seinen ersten Kompositionsauftrag von der Wiener Staatsoper: Mit Die Blinden, nach Texten von Maurice Maeterlinck, Platon, Friedrich Hölderlin und Arthur Rimbaud, schreibt sich Furrer endgültig und anhaltend in das Musikleben seiner Gegenwart ein. Ensemblestücke wie nuun für zwei Klaviere und Ensemble (1996) gehören bald zum festen Repertoire zeitgenössischer Ensembles.

Ende der 1990er Jahre gründet Beat Furrer gemeinsam mit Ernst Kovacic impuls. Internationale Ensemble- und Komponistenakademie für zeitgenössische Musik in Graz. Parallel dazu entstehen wichtige Werke wie das Musiktheater Begehren (2001/2003) und Orpheus‘ Bücher für Chor und Orchester für den Steirischen Herbst und die Donaueschinger Musiktage. Sein Musiktheater FAMA wurde 2005 ebenfalls in Donaueschingen begeistert aufgenommen und seither weltweit wiederaufgeführt. Beat Furrer erhielt für das Werk den Goldenen Löwen der Biennale Venedig 2006. Außerdem wurde er 2014 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet.

„Komponieren an sich würde mich nicht mehr interessieren, wenn ich den Eindruck hätte, ich würde ein bereits bewährtes Konzept reproduzieren, anstatt einen Schritt in eine neue Richtung zu machen“, sagt Beat Furrer selbst über seine Arbeit. Derzeit steht Furrers jüngste Opernpartitur kurz vor dem Abschluss – Violetter Schnee nach einem Libretto von Händl Klaus, basierend auf einer Vorlage des russischen Schriftstellers Vladimir Sorokin.

Preisverleihung am 3. Mai 2018 im Prinzregententheater München

Der Ernst von Siemens Musikpreis wird Beat Furrer am 3. Mai 2018 im Münchner Prinzregententheater bei einem musikalischen Festakt verliehen. Michael Krüger, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und Vorsitzender des Stiftungsrates der Ernst von Siemens Musikstiftung, wird die hohe Auszeichnung überreichen. Das Klangforum Wien spielt unter der Leitung des Preisträgers dessen canti della tenebra für Mezzosopran und Ensemble mit der Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner. Die Laudatio hält der österreichische Kulturwissen¬schaftler Thomas Macho, Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften Wien. Zudem verleiht die Ernst von Siemens Musikstiftung drei Förderpreise an junge, vielversprechende Komponisten. Die Preise werden durch den Vorsitzenden des Kuratoriums, Thomas Angyan, überreicht. Die Namen der Förderpreisträger veröffentlicht die Ernst von Siemens Musikstiftung Ende Februar.

Die Ernst von Siemens Musikstiftung vergibt erneut 3,5 Millionen Euro
Insgesamt vergibt die Stiftung 2018 rund 3,5 Millionen Euro an Preis- und Fördergeldern. Gefördert werden 2018 weltweit rund 120 Projekte im zeitgenössischen Musikbereich. Der größte Anteil der Förderung entfällt erneut auf Kompositionsaufträge, aber auch Festivals, Konzerte, Kinder- und Jugendprojekte, Akademien sowie Publikationen werden mit Fördergeldern bedacht. 250.000 Euro entfallen auf die Dotierung des Hauptpreises und je 35.000 Euro sowie die Produktion einer Porträt-CD erhalten die Komponisten-Förderpreisträger. Außerdem stellt die Ernst von Siemens Musikstiftung zusätzliche Mittel für die Reihe räsonanz – Stifterkonzerte zur Verfügung. Die Konzerte im Rahmen dieser Kooperation mit dem Lucerne Festival und der musica viva des Bayerischen Rundfunks finden am 9. Juni im Münchner Prinzregententheater und am 20. August 2018 im KKL Luzern statt.

Im Sommer 2018 widmen die Salzburger Festspiele dem Werk des österreichisch-schweizerischen Komponisten die Konzertreihe ZEIT MIT FURRER

Schon das frühe, nach einem Asteroiden benannte Ensemblestück Gaspra mit seiner zerklüfteten, montageartigen und dennoch homogen wirkenden Form zeigt zugleich schroffe Gegensätze und ihre Überwindung. In Begehren nach Texten von Cesare Pavese, Günter Eich, Ovid und Vergil erscheint ein dramatischer Moment geradezu eingefroren: als sich der Protagonist nach seiner Gefährtin umdreht und sie für immer verliert. „Er“ und „Sie“ – so heißen die Figuren in diesem großen Musiktheater – lassen sich unschwer als zwischen den Zeiten verlorene Schatten von Orpheus und Eurydike erkennen, deren Rufe einander nicht mehr erreichen. Antike Mythen und in ihren Obsessionen gefangene Individuen aus der modernen Literatur werden in Furrers Kosmos miteinander verschmolzen: so auch in der um Wahnsinn und Ekstase kreisenden Oper Invocation nach Marguerite Duras, Ovid und Pavese oder im Musiktheater Wüstenbuch, das mit Texten von Ingeborg Bachmann, Händl Klaus, Antonio Machado, Lukrez sowie einem altägyptischen Papyrus-Palimpsest vom Tod und seiner Überwindung erzählt. Bei Furrer lässt sich das Verklingen immer wieder anders wahrnehmen, und seine klanglichen Grenzüberschreitungen werden zum Sinnbild menschlicher Existenz.

Montag, 30. Juli, Kollegienkirche
Beat Furrer
Begehren. Musiktheater nach Texten von Cesare Pavese, Günter Eich, Ovid und Vergil (konzertante Aufführung)
Mit: Katrien Baerts, Christian Reiner, Cantando Admont, Cordula Bürgi, Klangforum Wien, Peter Böhm, Beat Furrer

Dienstag, 31. Juli, Kollegienkirche
Beat Furrer
invocation VI für Sopran und Bassflöte
Tomás Luis de Victoria
Missa pro defunctis (Requiem) für sechsstimmigen Chor a cappella
Beat Furrer
intorno al bianco für Klarinette und Streichquartett
Mit: The Tallis Scholars, Peter Phillips, Katrien Baerts, Eva Furrer, Bernhard Zachhuber, Klangforum Wien

Donnerstag, 2. August, Kollegienkirche
Klaus Huber
Des Dichters Pflug. Streichtrio in memoriam Ossip Mandelstam
Beat Furrer
…cold and calm and moving für Flöte, Harfe, Violine, Viola und Violoncello
Gaspra für Ensemble
Klaus Huber
L’ombre de notre âge. Kontrafaktur für Kammerensemble
Mit: oenm. österreichisches ensemble für neue musik, Frank Ollu

Montag, 6. August, Stiftung Mozarteum – Großer Saal
Beat Furrer
Ira – Arca für Bassflöte und Kontrabass
Ingeborg Bachmann
Wüstenbuch-Fragmente aus dem Todesarten-Projekt (Lesung)
Beat Furrer
Xenos-Szenen aus dem Musiktheater Wüstenbuch für acht Stimmen und Ensemble
Mit Eva Furrer, Uli Fussenegger, Isabel Karajan, Neue Vocalsolisten Stuttgart, Klangforum Wien, Beat Furrer

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