Basel Bieito Janacek

Keime der Hoffnung in der Inhumanität

Hier fliegt keiner Weg – Lagerinsassen in Janaceks Gefängnisoper. Foto: Theater Basel

Calixto Bieito und Leos Janáček – was daraus werden kann, zeigt das Theater Basel mit eineinhalb intensiven Stunden "Aus einem Totenhaus"

(Basel, 8. November 2009) Das Spektakulärste an dieser Produktion ist zunächst ein Flugzeug. Kein Modell, sondern eine richtige Maschine senkt sich da raumfüllend auf die völlig leergeräumte Bühne des Theaters Basel herab. Calixto Bieito, nach der letztjährigen "Lulu" zurückgekehrt, inszeniert erneuet mit massig Blut und nackten Körpern. Doch – und das ist fast noch spektakulärer – das Publikum goutiert’s. Keiner lief heraus, keiner buhte. Bieito hat gewonnen.
Leos Janáčeks letzte Oper – in der er das Leben und Sterben in einer Strafkolonie schildert – ist selbst von Brutalität gekennzeichnet. Die knappen Drei- und Viertonmotive, die hier fast jeglichen Melos ausgelöscht haben, schneiden sich ins Gehör ein. Ganz wie die Erinnerungen, welche die Gefängnisinsassen immer wieder heimsuchen: unentrinnbar. Auch der Rhythmus hat alles Weiche verloren, ist ohne Eleganz. Eine harte Musikwelt. Gabriel Feltz und das Sinfonieorchester Basel sind nach kleinen Anlaufschwierigkeiten in dieser Welt hörbar drin. Sind gepackt. Und packend bleibt es durch die ganzen eineinhalb Stunden.
Zur Brutalität gesellt sich die Erotik. Bieito zeigt das als zwei Seiten einer Medaille. Wenn die Insassen am Feiertag ein Theaterstück aufführen, geht’s nicht um die Kunst. Die Triebe, die hier befriedigt werden wollen, sind nicht schöngeistiger Natur. Das Stück ist Tarnung. Wenn einige Männer in Frauenkleidern (vorgeschrieben vom Libretto) auftreten, schwillt die Geilheit. Bieito lässt es an Deutlichkeit nicht mangeln. Doch drückt er dem Stück keine Pornographie auf, zeigt nichts, was nicht schon da wäre. Es ist ganz anders und fast schimmert hier Schopenhauer durch. Einer Philosophie des Mitleids ist nämlich auch verpflichtet, wer die Abwesenheit jeglicher Menschlichkeit zeigt. Sie so darstellt, dass das Publikum selbst in die Leerstelle treten muss.
Auch in der Bestie steckt ein guter Mensch. Es ist berührend, wie auf dieser Bühne (Ausstattung: Calixto Bieito, Philipp Berweger, Ingo Krügler), in deren Wasserpfützen sich Schmutz und Abfall, Gefängnisfraß und Kleider zu einer Nährlösung der Inhumanität verklumpen – wie sich hier Szenen abspielen, die der katholische Regisseur Pietà-Darstellungen seiner Heimat Spanien abgeschaut haben könnte. Da ist der junge Gefangene Alej, dem der als schwul zu erkennende Neuzugänger Aleksander Petrowitsch das Lesen beibringen wollte. Alej wird von anderen vergewaltigt, sucht Schutz bei Aleksander. Und bekommt ihn.
Menschlichkeit in einem menschengemachten Kosmos der Unmenschlichkeit – da keimt, wenigstens im Prinzip Hoffnung auf. Bei Janáček endet die Oper denn auch mit der Freilassung Aleksander Petrowitschs. Der verletzte Adler, den die Gefangenen laut Libretto gesund gepflegt haben, fliegt symbolträchtig weg. Bei Bieito erhebt sich das tonnenschwere Flugzeug, das im Gefängnisinnenhof keinen Mukser tat, wieder in die Höhe. Der freie Aleksander Petrowitsch jedoch wird erschossen. Der Hoffnungskeim im Schmutz zertreten.
Das Ensemble, der Chor und die Statisterie des Theaters Basel bildeten in der ausgiebig beklatschten Premiere eine untrennbare Einheit. Bieito hat sie zum Team verschweißt. Eine Fähigkeit ist das, die nicht viele Regisseure haben. Die sängerischen und schauspielerischen Leistungen waren und blieben durchwegs hoch. Beeindruckend, mit welchen Stimmen dieses Theater ohne einen einzigen "Star" aufwartet! Und mit welcher Identifikation sich alle Beteiligten dem Projekt hingaben.
Wenn sich Oper so transzendiert, streift sie das ab, was sie immer wieder in Misskredit bringt: den Geruch von Luxus und Unterhaltung. Wenigstens vorübergehend.
Benjamin Herzog

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