Bartoli

Signora 1000 Volt

Cecilia Bartoli mit "Sacrificium" live in der Münchner Philharmonie – Auftakt ihrer Deutschlandtournee
(München, 14. Oktober 2009) Wenn Cecilia Bartoli etwas macht, dann tut sie es 150-prozentig. So auch jetzt bei ihrem neuen Album "Sacrificium" (Decca), das sie in München als zweiter Station einer großen Tournee live vorstellte und damit ein Repertoire, für das berühmte Kastraten wie Farinelli oder Caffarelli in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht zuletzt in Neapel gefeiert wurden. Natürlich klingt ihre Stimme auf CD viel unmittelbarer, fangen die Mikrofone ganz direkt den Klang, ihr berühmtes Hauchen und andere feine Geräuschanteile einer nicht sehr großen Stimme ein, doch live ist die Bartoli trotzdem eine Wucht.
Dazu bedürfte es gar nicht eines Faschingskostüms – wenn auch vom Designer Agostino Cavalca entworfen – ,mit dem sie weiß aufgerüscht in rot gefüttertem, schwarzen Umhang samt Dreispitz, schwarzen Lederstiefeln und roten Handschuhen auf die Bühne der Philharmonie rauscht. Prompt verpasst sie, geplant oder nicht, ihren Einsatz während des Applauses, der in das Orchestervorspiel hinein aufbrandet! Neben Handy-Klingeln mitten in eine winzige Pause einer Arie hinein, das die Bartoli eine Viertelminute bei geschlossenen Augen verstummen ließ, war das der einzige Störfaktor eines Abends, der zweieinhalb Stunden zirzensischen vokalen Hochleistungssport, aber auch unendlich schöne, lange, leise Momente des Abschieds, der Liebes- und Todessehnsucht zelebrierte.
Vielleicht waren es gerade diese ins Unermessliche gedehnten Augenblicke des Schwebens, der Trauer am Rande des Verstummens, die in der ausverkauften Philharmonie das Publikum zur Konzentration – und dem Ausbleiben von Husten – zwangen und am meisten berührten. Nicola Porporas "Parto, ti lascio, o cara" über den Abschied von der Geliebten (aus "Germanico in Germania"), Carl Heinrich Grauns "Misero pargoletto" über einen Vater, der die Schwester geheiratet und mit ihr einen Sohn gezeugt zu haben glaubt (aus "Demoofonte"), oder Leonardo Leos "Qual farfalla" waren solche Arien, die bewiesen, dass die Kastraten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts nicht nur mit stupender Technik brillierten, sondern auch mit tiefem musikalischen Ausdruck ihr Publikum berückten.
Cecilia Bartoli spinnt ddie Melodien mit einem zarten Ausdruck und einer natürlichen Schönheit, als würde sie die Musik im Moment des Singens gerade entstehen lassen. In Decios Arie aus dem zweiten Akt von Leonardo Leos "Zenobia in Palmira" umkreist "die Hoffnung des Herzens" das Licht wie ein verliebter Schmetterling und verbrennt sich schließlich "den Flaum" an ihr und stirbt. Und was auf CD schon wunderschön abgetönt klingt, wird live noch mehr in die mezza voce gehaucht, wie umgekehrt die Bartoli bei manchem vokalem Furor pötzlich mit der Stimme losrennt. "La scintilla", das Barockorchester der Zürcher Oper, ist unter seiner Konzertmeisterin Ada Pesch nach ein, zwei Schlägen wieder ganz bei ihr und begleitet auch die melancholisch verschatteten Arien mit unvergleichlicher Sanftheit und Zurückhaltung.
In den großen Bravour-Arien freilich brannte die Bartoli technisch perfekt und mit minutiösem Timing – man muss es mit dem abgegriffenen Bild sagen – ein vokales Feuerwerk an Koloraturen, Trillern, Arpeggien und Intervallsprüngen, dass man eine Vorstellung davon bekam, welche Wirkung diese Musik einst hatte, wenn perfekt ausgebildete Sänger mit seit Kindheit unverändert hoher Stimme, aber enorm leistungsfähiger Lunge und virilem Brustkorb das sangen. Elektrisiert wurden sie Zuhörer aber auch in der Münchner Philharmonie von der grandiosen Mezzosopranistin aus Rom, die einmal ob ihres Temperaments "Signora 1000 Volt" genannt wurde.
Die Bartoli präsentierte – ergänzt von Sinfonien und Ouvertüren aus Porpora-Opern – in der Philharmonie ein zweieinhalbstündiges Programm mit (wie auf CD) zwölf Arien und zwei Zugaben. Allerdings hatte sie die Reihenfolge etwas geändert und zwei Arien ausgetauscht: Neu waren Leonardo Vincis "Cervo in bosco" aus "Medea" (1728) und die herrlich parodistische Arie des Erissena aus "Alessandro nelle Indie" von 1730 ("Quanto invidio la sorte …Chi vive amante").
Natürlich setzte die Bartoli an den Schluss des offiziellen Programms eine effektvolle Arie (Porporas "Nobil onda") und nicht Antonio Caldaras wunderbar ausdrucksvolles "Quel buon pastor son io" aus "La morte d’Abel", das einen Hirten – gemeint ist Christus – beschreibt, der für die Rettung seiner Herde sich selbst opfert. Kaum zu glauben, dass das bisher nie jemand auf Platte gebannt haben soll.
Immerhin elf Weltersteinspielungen nennt die Tracklist der CD, die in der limitierten Erstauflage in ein aufwändiges Buch eingepasst ist, das ein 35-seitiges Kastraten-Lexikon enthält, einen Essay über die Arien und ihre zeitgenössischen Interpreten sowie die Gesangstexte samt Übersetzungen. Auf einer Bonus-CD sind drei legendäre Kastraten-Arien zu finden, darunter Händels "Ombra mai fu" aus dem "Xerxes" und Giacomellis "Sposa, non mi conosci".
Riccardo Broschis "Son qual nave" beschloss auch den Münchner Abend mit Aplomb, während zuvor Händels berühmtes "Lascia la spina" aus dem Oratorium "Il trionfo del Tempo e del Disinganno" (später wiederverwendet in "Rinaldo") erneut die wunderbar weich und empfindsam fühlende und singende Cecilia Bartoli offenbarte.
Klaus Kalchschmid

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