Interview: Bartoli singt in der Sixtinischen Kapelle

Eine Frau im Reich der Kastraten

Cecilia Bartoli ist die erste Frau, die mit dem Chor der Sixtinischen Kapelle singt. Im Gespräch erzählt sie dort von den Aufnahmen ihrer neuen CD und den Erfahrungen an diesem besonderen Ort.

Von Thomas Migge

(Rom, Dezember 2017) Wenn Cecilia Bartoli auf ihre CD mit dem Chor der Capella Sistina zu sprechen kommt, glänzen ihr die Augen. „Das ist sehr schöne, aber auch eine für einen Sänger sehr anspruchsvolle Musik, denn das ist Musik ohne Instrumente, nur a capella“.

Cecilia Bartoli sang mit dem ältesten Männerchor der Welt. Sie ist die erste Frau, die mit dem vor rund 1400 Jahren von Papst Gregor gegründeten reinen Knaben- und Männerchor der sixtinischen Kapelle auftrat und eine CD einspielte. „Dieses Projekt war eine Idee von Maestro Palombella, dem Direktor des Chors der Sixtinischen Kapelle“, berichtet die Sängerin. Palombella fragte sie, „ob ich Interesse daran hätte, mit seinem Chor den französischen Komponisten Peròtin zu interpretieren“. Sie kannte Peròtin zwar, „aber solche Musik habe ich bisher nie gesungen, und so hatte Palombella mich neugierig gemacht“.

Ein wenig darf man sich schon wundern, dass die katholische Kirche Frau Bartoli mit ihrem berühmten Männerchor singen läßt. Mit ihrer 2009 erschienenen CD „Sacrificium“ kritisierte sie auf musikalische, aber unmissverständliche Weise die von der römischen Kirche im 17. und 18. Jahrhundert geduldete und auch geförderte Praxis der Kastration kleiner Jungen zur Heranzüchtigung von männlichen Sängern, damit diese ihr Leben lang eine hohe, eine weibliche Stimme behielten. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts sangen Kastraten im Chor der sixtinischen Kapelle. Der letzte vatikanische Kastrat, Alessandro Moreschi, starb 1922. In verschiedenen Interviews kritisierte Cecilia Bartoli diese Praxis.

„Musik von Kastraten habe ich ja nun viel gesungen, vor kurzem debütierte ich in der Rolle eines berühmten Kastraten, im ‚Ariodante‘ von Händel, wo ich einen Bart trug und wie ein Mann auftrat“, so Cecilia Bartoli. „Sicherlich habe ich mich stets kritisch über das Kastratenunwesen geäußert, aber anscheinend hat das hier im Vatikan niemanden gestört, jedenfalls nicht so sehr, dass man dem Chorchef Palombella widersprochen hätte, als er mich darum bat, als erste Frau überhaupt mit diesem Chor und an diesem Ort zu singen“.

Sämtliche Advents- und Weihnachtskompositionen auf der CD fand Massimo Palombella in den Archiven der Vatikanbibliothek. Die einzelnen Kompositionen wurden in eine liturgische Reihenfolge gebracht: beginnend mit einem gregorianischen Choral für den dritten Adventssonntag „Gaudete in Domino“ über Motetten von Giovanni Maria Nanino und Palestrina für die Weihnachtstage bis hin einer Komposition, ebenfalls von Palestrina, für das Fest der Darstellung des Herrn im Tempel, bekannter als Mariä Lichtmess, mit dem früher, vor der Liturgiereform, an jedem zweiten Februar formal der Kreis der Advents- und Weihnachtstage endete. Im Unterschied zur Weihnachtsmusik, so wie wir sie heute kennen, bietet die CD Kompositionen, die sich der Liturgiereform des Konzils von Trient im 16. Jahrhundert und den damals beschlossenen Richtlinien für liturgische Kompositionen verpflichtet fühlen.

„Das Konzil von Trient war insofern bedeutend, weil es dem Text innerhalb der Musik wieder Wichtigkeit verschaffen wollte“, erklärt Chorleiter Massimo Palombelli. „In der Zeit vor dem Konzil wurde der Text zur Dekoration der Musik und die Konzilsväter sahen darin eine
Verwässerung der Bedeutung liturgischer Musik“. Fortan, so Palombella, „sollte der Text im Vordergrund stehen und nicht die Musik, ein Text, der von allen Zuhörenden klar verstanden werden sollte“.

„Ich war sehr beeindruckt“, erzählt Cecilia Bartoli, „denn die Sixtinische Kapelle ist ja ein magischer Ort, mit einer magischen Akustik und da war ja außer uns kein Mensch!“ Für die gebürtige Römerin Bartoli war der Eindruck, als erste Frau überhaupt an diesem historischen Ort zu singen, überwältigend. „Diese Schönheit an diesem Ort war fast ein wenig zu viel für mich! Und dann kommt noch hinzu: ich bin ja Römerin, und es ist für mich ein so historischer Moment, dass mir, und das kommt sehr selten vor, die Worte fehlen“.

Auch musikalisch betritt Cecilia Bartoli mit dieser Aufnahme Neuland. Die Werke des mittelalterlichen Komponisten Perotin sind reine Vokal-Musik. Für den Chor der Sixtinischen Kappelle ist es Alltag ohne Instrumentalbegleitung zu singen. Die Opern-Sängerin Bartoli hatte hingehen bisher keine Erfahrung im a cappella-Bereich. „Die Schwierigkeit besteht für mich darin, die stimmliche Reinheit auf höchsten Niveau zu halten“, erklärt sie. „Mir wurde bei den Proben und bei der Aufnahme klar, wie elastisch die menschliche Stimme doch ist; sie ist das Instrument, das der Seele am nächsten kommt“.

Doch es sind vor allem der Ort und die Erfahrung in der sixtinischen Kappelle zu singen, die Cecilia Bartoli an diesem CD-Projekt beeindruckt haben. Bei dem Interview in einem Nebensaal der Sixtinischen Kapelle, wanderte ihr Blick immer wieder durch eine weit geöffnete Pforte, durch die Michelangelos Meisterwerk des Jüngsten Gerichts zu sehen ist. „Wenn ich so viel Schönes sehe und höre“, meinte sie, „ja dann glaube ich, dass es Gott gibt“.

Werbung


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.