Bartok for Europe

Bartók oder Oktoberfest

Vladimir Jurowski Foto: Drew Kelley

Das neu gegründete Festival Bartók for Europe will die europäische Idee fördern
Von Christian Gohlke
(München, 28. September 2016) Béla Bartók wollte in seiner Musik der „Verbrüderung der Völker“ dienen und sie „trotz allem Krieg und Hader“ künstlerisch miteinander verbinden. Deshalb, so Bartók im Januar 1931, „entziehe ich mich keinem Einfluss, mag er auch slowakischer, rumänischer, arabischer oder sonst irgendeiner Quelle entstammen.“ Just dieses völkerverbindende Ideal will auch das neu gegründete Bartók-for-Europe-Festival vermitteln, das aus einer gemeinsamen Initiative des Concerto Budapest und des London Philharmonic Orchestras heraus entstanden ist. Das Festival wird künftig jedes Jahr im September in einem anderen Land der Europäischen Union ausgerichtet werden, wobei eine Kooperation mit den lokalen Orchestern angestrebt wird. So soll, wie es ein wenig wolkig im Programm heißt, „das Wechselspiel zwischen nationaler Tradition und europäischer Moderne“ erfahrbar werden. Ein bewunderungswürdiges Projekt, – auch wenn seine hohen Ideale von seinem wichtigsten finanziellen Förderer, nämlich der ungarischen Regierung, nicht so recht geteilt zu werden scheinen. Derzeit ist „Bartók for Europe“ zum ersten Mal in München zu erleben.
Ob es klug war, das Festival ausgerechnet zur Zeit des Oktoberfestes anzusetzen? Ob der Slogan „Bartók statt Bier“, mit dem geworben wurde, besonders geistreich ist? Und ob die schwarzen Plakate mit den Schlagwörtern „Bartók“ und „Europa“, die in München zu sehen waren, anziehend wirken? Am Marketing ließe sich wohl noch arbeiten. So leer wie an den beiden Eröffnungskozerten ist es im Münchner Gasteig bei Auftritten namhafter Orchester sonst nämlich nie. Um es aber gleich zu sagen: Die Menschen, die am Sonntag und am Montag nicht in der Philharmonie gewesen sind, haben zwei schöne Konzertabende versäumt.
Zwar geriet die Aufführung von Beethovens Sinfonie Nr. 1 mit dem Concerto Budapest unter der Leitung von Adrás Keller viel zu pauschal und undifferenziert – weder das dialogische Wechselspiel der Holzbläser im Kopfsatz noch der Charme des Trios waren überzeugend herausgearbeitet –, aber schon das folgende Klavierkonzert Nr. 2 von Franz Liszt nahm für sich ein. Hier konnte der Solist Dénes Várjon in den vier ohne Pause miteinander verbundenen Sätzen seine technische Brillanz ausstellen, ohne sich dabei eitel in den Vordergrund zu drängen. Vielleicht hätte Várjon im einleitenden Adagio, das von warmen Holzbläsern getragen wurde, das Pedal weniger häufig einsetzen sollen, aber das Zusammenspiel zwischen Orchester und Solist glückte in diesem ja eher symphonisch angelegten Konzert so überzeugend wie die glanzvoll dargebotene Stretta, auf die das Stück zuläuft und die Várjon nutzte, um in donnernden Oktavpassagen und rasenden Glissandi sein pianistisches Virtuosentum auszustellen.
Seine Zugabe – drei anmutig vorgetragene Volkslieder von Bartók – leitete sanft zum zweiten Teil des Abends über, an dem Bartóks einzige, 1918 uraufgeführte Oper „Herzog Blaubarts Burg“ gespielt wurde. Hier gelangte Keller mit seinem Orchester bei der musikalischen Schilderung der hinter den nach und nach geöffneten Türen sichtbar werdenden Schrecken zu großer Eindringlichkeit. Gidon Saks gab mit seinem rauhen, aber kraftvollen und markanten Bassbariton einen finsteren Blaubart, und Petra Lang sang die Partie der Judith mit einem dunkel timbrierten, glutvollen Mezzo. Die Darstellung dieser beiden Sänger war so suggestiv, dass sie eine szenische Umsetzung überflüssig erscheinen ließ.
Kurz nach der erfolgreichen Premiere des „Blaubart“ begann Bartók, das Orchesterstück „Der wunderbare Mandarin“ zu komponieren. Es stand auf dem Programm des zweiten Konzertes des Festivals und wurde vom London Philharmonic Orchestra unter der Leitung seines Chefdirigenten Vladimir Jurowski aufgeführt. Auch im „Wunderbaren Mandarin“ nutzt Bartók die Klanggewalt eines spätromantischen Symphonieorchesters, um eine wiederum ziemlich grausige Geschichte (ein Mädchen wird von drei Männern dazu gezwungen, andere Männer zu verführen, die dann ausgeraubt und getötet werden) mit den damals musikalisch avanciertesten Mitteln zu schildern. Jurowski und das großartige, wach und flexibel agierende London Philharmonic Orchestra, dessen Spielfreude zum Glück nicht darunter litt, dass die Musiker in einen fast leeren Konzertsaal zu blicken hatten, erzählten die blutige Geschichte mit einem scharf konturierten und satten, aber nie dröhnenden Orchesterklang, mit strahlenden Farben und großer dynamischer Beweglichkeit. Der Wucht des „Mandarin“ setzte das Programm die träumerische Zartheit von Debussys „L’après-midi du’un faune“ entgegen. Mit einem perfekt austarierten Klang und schillernden Valeurs traf Jurowski die spezifische Atmosphäre des Werkes genau.
Nicht unproblematisch, aber auch nicht uninteressant war schließlich die Aufführung von Beethovens 1. Klavierkonzert mit Valery Afanassiev. Aus einem Guss war diese Interpretation nicht: Der 1. Satz (von Beethoven immerhin mit der Tempoangabe „Allegro con brio“ versehen) wurde von Jurowski ungewohnt langsam gespielt. Zwar verlieh das gemessene Tempo dem Kopfsatz eine feierliche Getragenheit, ließ aber gelegentlich doch an innerer Spannung vermissen. Afanassievs harter Anschlag und seine kantige, starke Akzente setzende Interpretation des Soloparts kontrastierte dabei auf aparte Weise mit Jurowskis angenehm zurückhaltender Begleitung. Nicht immer war Afanassievs Spiel makellos, und das tänzerische Schluss-Rondo wirkte gelegentlich etwas unkonzentriert. Aber das wilde Ungestüm, mit dem der Solist zum Beispiel die Kadenz des Kopfsatzes musizierte, vermittelte den Eindruck expressiven Improvisierens. Das ist allemal besser als gepflegte Langeweile. Musikalisch begann „Bartók for Europe“ also mit zwei Konzerten auf hohem Niveau. Und wenn im nächsten Jahr das Marketing noch verbessert wird, wird das Publikum sicher nicht ausbleiben.



Münchner Philharmoniker


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