Barenboim mit Mahler in Salzburg

Gustav Mahlers Problematische

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker mit Mahlers Siebter bei den Salzburger Festspielen

Von Derek Weber

(Salzburg, 26. August 2017) Die Siebente ist gewiss Gustav Mahlers herausforderndste Symphonie. Das liegt weniger an der Symphonie insgesamt, sondern vor allem an ihrem letzten Satz, dem „Rondo-Fiale“. An der Frage, was denn eigentlich ein „Allergro ordinario“ sei, haben sich viele Dirigenten die Zähne ausgebissen, wie überhaupt die Tempovariationen dieses Satzes viele an den Rand der Verzweiflung getrieben haben oder sie dahin hätten treiben müssen. Die meisten stürzen sich in eine heillose Hektik und haben danach Mühe, die ruhigeren und solistisch angelegten Abschnitte ins Satzgesamte zu zurück zu integrieren. Man könnte auch sagen: Sie gehen in einer wilden Temposchlacht unter. Doch alles Getöse kann nicht übertünchen, dass hier leichtfertig über die Tempovorschriften des Schlussteils des Finales hinwegmusiziert wird: „Allegro moderato ma energico“ steht da in der Partitur geschrieben. Das heißt doch wohl so viel wie „Das ist das Grundtempo, um das herum die Einzeltempi zu gruppieren sind.“

Hören kann man das selten. Dem steht meist das Tempo entgegen, das am Satzbeginn angeschlagen wird. Das Ergebnis ist ein kunterbuntes Tempo-Pasticcio mit weit auseinander liegenden Einzeltempi.

Ein nicht zu rasches, aber dafür umso resoluteres „Allegro“ in einem Satz durchzuhalten, der den Kutscher am Pult in Versuchung bringt, mit seinen Pferden durchzubrennen, ist nicht einfach. Mit expressionistischen Zaubertränken kommt man nicht weit. Immer gerät dieser Satz zu schnell, beginnt zu laufen, immer liegt er zu nahe am Kuddelmuddel.

Ist das überhaupt noch so etwas wie ein „sieghaft“ gemeintes Finale? Oder ist es schon nahe an einer Parodie, die man in der Tat hören kann, wenn man Otto Klemperers späte Aufnahme zu Rate zieht. Immerhin war Klemperer bei den Prager Uraufführungsproben im Jahr 1908 dabei. Und so betrogen kann ihn sein Tempo-Gedächtnis nicht haben, dass daraus das Gegenteil von dem wurde, was dort besprochen worden war.

Die Schwierigkeiten, die manche Mahlerkenner wie Theodor W. Adorno damit hatte, lassen sich wohl am besten so erklären, dass dieses Finale nahe an einer Persiflage vorbeischrammt. (Vergessen wir nicht, dass Mahler in der nächsten, der Achten Symphonie mit einem ähnlichen Problem, der (falschen) „Versöhnung“ mit der „Welt“, konfrontiert war.)

Auch Daniel Barenboim war sich am Samstag der Problematik dieses Finales wohl bewusst. Eine wirkliche überzeugende Lösung haben auch er und die Wiener Philharmoniker nicht gefunden. Schon der Kopfsatz setzte zu laut ein; im zweiten Satz gab es nachthelle Ideen, wie die von draußen zart hereinklingenden Herdenglocken. Dafür waren in der zweiten Nachtmusik Mandoline und Gitarre nicht glücklich postiert und gingen im Orchester unter. Und das delikat instrumentierte Scherzo wollte sich nicht zu jener letzten, von Mahler als „schattenhaft“ vorgestellten Spannung entschließen, die sich auch im letzten Satz trotz aller vorwärtstreibenden und mitreißenden Einzeltempi nicht einstellte.

Werbung

 

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.