Barenboim fördert Nachwuchs

Daniel Barenboim wurde gestern Abend der Herbert-von-Karajan-Musikpreis verliehen. Der Pianist und Dirigent erhielt die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung im Rahmen eines Galakonzertes im Festspielhaus Baden-Baden. Barenboim wird das Preisgeld zur Förderung des musikalischen Nachwuchses in seiner Stiftung verwenden. Die Laudatio hielt Pierre Boulez, der sich allerdings von Wolfgang Rihm vertreten ließ.

Wir veröffentlichen die Laudatio von Pierre Boulez im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren, mein lieber Daniel,

Von Zeit zu Zeit passiert es mir, dass mir plötzlich ein Photo von früher in die Hände fällt, das ich ganz aus dem Gedächtnis verloren hatte. So bin ich im Magazin des Festspielhauses plötzlich über eine Aufnahme gestolpert, die vom Anfang der 60er Jahre stammen dürfte ; ich erinnere mich mehr der Umstände als des genauen Datums. Wir nahmen das Erste Konzert für Klavier und Orchester von Bartok auf, und ich muss Ihnen gegenüber wohl eine entweder pedantische oder eindringliche Bemerkung gemacht haben, ich weiss es nicht mehr; jedenfalls scheint Sie diese Bemerkung ausgesprochen skeptisch, aber auch recht aufmerksam gestimmt zu haben… Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn ich mich der Details dieser Aufnahmesitzung im berühmten Londoner Abbey Road Studio erinnerte, das damals vor allem als das Reich der Beatles bekannt war. Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass wir uns einem musikwissenschaftlichen Vergleich der Musiksprache dieser Letzteren und dem Stil Bartoks hingaben, aber ich erinnere mich sehr gut, dass ich persönlich von dieser recht langen und reichlich anspruchsvollen Arbeitssitzung begeistert war.

Es war nicht das erste Mal, dass wir uns trafen. Wir hatten schon in Paris im Rahmen meiner bescheidenen Konzerte des « Domaine musical » zusammen gespielt: es handelte sich damals um das Kammerkonzert von Alban Berg, das wir beide, glaube ich, zum erstenmal spielten. In den darauf folgenden Jahren hatten wir immer warmherzigen wenn auch nur sporadischen Kontakt, bis Sie zum Musikdirektor des Orchestre de Paris ernannt wurden. Da konnten wir uns dann besser kennenlernen, öfter zusammen arbeiten und einen Kontakt pflegen, der nicht mehr auf streng berufliche Aktivitäten begrenzt war.

Bis zu diesem Moment  war es allerdings der Pianist gewesen, der mich durch die vielen Facetten seines Spiels, durch die Stilsicherheit und durch den Reichtum an Klangfarben beeindruckt und überzeugt hatte. Es war also der Pianist, den man im Allgemeinen hören und in dieser Rolle festschreiben wollte. Als Ihre Dirigiertätigkeit dann immer mehr zunahm, hat das zunächst Misstrauen geweckt – als ob ein Chirurg plötzlich sein Fachgebiet wechsle und ohne Vorwarnung von der Leber zum Schlüsselbein übergehen wollte… Aber Sie haben auch diesen Test mit allen Ehren, die Sie Ihrem Talent verdanken, bestanden. Sie haben das Dirigieren gemeistert, so wie Sie die Klaviatur gemeistert haben. Und darüber hinaus haben Sie sich als wahrer Musikdirektor mit einer Vision entpuppt, der fähig ist, nicht nur ein Konzertprogramm zu gestalten, sondern eine ganze Saison zu organisieren – was noch viel seltener ist als dirigieren. Und ich spreche nicht vom umfangreichen Repertoire, das Sie sich in so wenigen Jahren und auf so überzeugende Weise angeeignet haben, sei es in der Konzert- oder in der Theatertätigkeit, was Sie dazu gebracht hat, sich aus der Nähe um die szenische Arbeit und die Auswahl der Regisseure, mit den Sie arbeiten wollten, zu kümmern. All dies, ohne das Klavier aufzugeben, ganz im Gegenteil, aber indem Sie Ihre Interpretationen auf erstaunliche und absolut überzeugende Weise vertieften.

Hinzu kommt, dass Sie sich nicht damit begnügt haben, ein gängiges Repertoire zu pflegen, sondern dass Sie sich einer Bibliothek genähert und gewidmet haben, die viele Werke enthielt, die Sie entweder noch nicht entdeckt hatten oder die für Sie geschrieben worden waren und zu  denen Sie die notwendige Vertrautheit entwickeln wollten. Ihre diesbezügliche Neugier ist immer wach geblieben und begierig, neue Entdeckungen zu machen.

Zusätzlich zu dieser verschlingenden, aber ausbalanciert beherrschten Aktivität haben Sie Inititiativen entwickelt, die von einem mutigen Bürger kamen. Sie haben dieses Orchester junger Musiker gegründet, das das Licht der Welt in Weimar unter der Dichter-Patenschaft Goethes erblickt hat – das, neben anderen, Israelis und Palästinenser dazu bringt, Seite an Seite zu spielen. Aber das Bemerkenswerteste ist nicht nur, wenn ich so sagen darf, die humanitäre Seite dieser Initiative, sondern mindestens ebenso sehr, dass der Kontakt durch das gemeinsame Streben nach dem höchstmöglichen künstlerischen Niveau geschaffen wird. Dieser Anspruch einer gemeinsam angestrebten Qualität beinhaltet gegenseitige Solidarität und Motivation für eine gemeinsame Sache, der entscheidende Punkt, an dem die persönlichen Ziele zugunsten eines gemeinschaftlichen Zieles in den Hintergrund treten. Das ist die entscheidende Lehre des Diwan. Darüber hinaus beschränken Sie sich nicht auf die Erschliessung eines eingeführten, historischen Repertoires. Sie lassen die schwierigsten, am wenigsten vertrauten Werke erarbeiten und begeistern die jungen Musiker für Entdeckung, indem Sie ihre Neugier wecken für das, was sie noch nicht kennen. Ich kann das persönlich bezeugen, da ich mit einigen von ihnen mehrere meiner Werke erarbeitet habe, denen diese jungen Musiker all ihre Aufmerksamkeit und all ihr Talent gewidmet haben.

Übrigens, so haben Sie es wieder und wieder gesagt, haben Sie keineswegs die Absicht, wem auch immer eine politische Lektion zu erteilen, Sie wollen einfach, und ohne jede Prätention, versuchen, das zu erreichen, was mit einvernehmlicher Disziplin und in einem Prozess der Verständigung möglich ist, dem die musikalische Interpretation einen tiefen Sinn gibt, jenseits aller Divergenzen, die zu Beginn bestehen können. In diesem Sinne sind Sie ein Humanist ersten Ranges und ein mutiger Bürger, dessen intelligente Beharrlichkeit ich zutiefst bewundere. Es ist, ich wiederhole es noch einmal, eine Lektion von Mut, aber ebenso eine Lektion von Geduld. Nichts kann geschehen ohne diese beiden Grundtugenden.

Reicht das, um Ihr Leben auszufüllen, lieber Daniel? Man würde spontan "Ja" sagen und bei weitem ja für jeden anderen. Aber Sie sind noch nicht zufrieden. Nachdem Sie viele Konzerte organisiert, in vielen verschiedenen Ländern und Städten, unter vielerlei  Umständen gespielt haben, ist Ihnen klar geworden, dass ein Bereich gemeinhin noch zu wünschen übrig lässt: der der Erziehung. Statt als wichtiger Bestandteil der Kultur geschätzt zu werden, wird die Musik oft als eine Art teure und unnütze Unterhaltung betrachtet, der man, wenn man ausreichend Zeit und Musse hat, ein wenig Aufmerksamkeit schenken kann: ein Gebiet, das einer privilegierten Schicht vorbehalten ist. In diesem Bereich hat die Erziehung eine unverzichtbare Rolle inne, und zwar vom Kleinkindalter an. Die Musik muss für jeden zugänglich sein, und das meine ich nicht nur im materiellen Sinne. Sie muss ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens sein. Daher rührt Ihr Engagement zugunsten schon kleiner Kinder, auf dass die Musik ein essentieller Teil ihres Lebens werde.
Dies also ein Umriss, vielleicht ein unvollständiger, Ihrer Leistungen, lieber Daniel. Wenn ich zusammenfassen will, was ich für Sie empfinde, denke ich an das, was Diderot – soweit ich mich erinnere- über unsere Beziehung zu einem Werk sagte, wenn man es entdeckt. In dem Moment, in dem man an es herangeht und das Werk für uns ganz neu ist, versucht man, ein Mittel zu finden, um sich ihm zu nähern: in bezug auf dieses Werk tappt man im Dunkeln. Dann gibt man sich Mühe, es zu entziffern. Nach und nach gelangt man zum Verstehen, und je mehr man es studiert, desto mehr nähert man sich ihm im Licht, bis es in seiner ganzen Schönheit erstrahlt.

Aber das kann uns noch nicht zufriedenstellen. Man versucht, im Verstehen noch weiter zu gelangen: nach und nach verschwindet dann das Rationale. Je mehr man versucht, das Werk in seiner ganze Tiefe zu verstehen, desto mehr tritt man in den Schatten des Unerklärlichen, des Unausdrückbaren: das Werk erobert sein Geheimnis vollständig zurück. So geht es mit Ausnahme-Persönlichkeiten: Sie beinhalten diesen irrationalen Teil von Geheimnis, der uns Ihre Persönlichkeit bewundern läßt, während es uns gleichzeitig jeder Analyse beraubt: « der nicht aufzubrechende Kern der Nacht », von dem der Dichter André Breton spricht; oder, in Abwandlung des Worts Einsteins über das Universum: das Einzige, was man zur Erklärung Ihrer Persönlichkeit aussagen kann, ist, dass sie etwas Unerklärliches offenbart.

Aber warum dann einen Preis dem Unerklärlichen verleihen? Und dazu einen so hochkarätigen wie den Herbert-von-Karajan-Preis? Weil es notwendig ist, allen Akteuren der Gegenwart bewusst zu machen, dass dieses Unerklärliche gut sichtbare Spuren in unserem Alltag hinterlässt und dass es gut, sogar unerlässlich ist, sie hervorzuheben, ihren Verdienst und ihre Notwendigkeit zur Geltung zu bringen. So wie Däumling für seine Brüder streuen Sie Kieselsteine, damit wir Ihnen im Zauberwald der Kindheitsmärchen und genauso auch dem des Erwachsenenstaunens sicher geführt folgen können. Für einen Abend, lieber Daniel – anläßlich dieses Preises – lassen Sie uns Ihnen also für den so geheimnisvoll markierten Weg danken, den Sie uns täglich weisen, und lassen Sie uns diesen Hauptwesenszug Ihrer Ausstrahlung preisen, besser noch: feiern.

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