Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble

Konzertkritik:

Ein vokales Wunderinstrument

Olof Boman dirigiert für den erkrankten Thomas Hengelbrock Bachs Messe h-Moll mit dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble in Köln
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 1. Dezember 2014) Nachdem vor kurzem Martha Argerich beim Russian National Orchestra unter Mikhail Pletnev die Sopranistin Olga Peretyatko ersetzte, war in der Kölner Philharmonie eine neue gravierende Umbesetzung erforderlich. Thomas Hengelbrock hatte die Grippe erwischt, er konnte auch zuvor in Freiburg und danach in Dortmund Bachs h-Moll-Messe nicht dirigieren. Dabei sind die Interpreten, Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble, sozusagen seine Kinder. Mit dem Schweden Olof Boman wurde freilich ein adäquater Ersatzmann gefunden.

Zunächst hat Hengelbrock den Chor gegründet (1991). Seine Struktur ist insofern eine besondere, als die Mitglieder allesamt potentielle Solisten sind, die entsprechende Karrieren mit sehr unterschiedlichem Repertoire vorzuweisen haben. Auch Thomas Hengelbrock deckt ein sehr breites Spektrum ab. Von Persönlichkeiten wie Witold Lutoslawski und Mauricio Kagel wurde er beispielsweise an zeitgenössisches Musikschaffen herangeführt. Andererseits hat er ein besonderes Faible für Wagner („Holländer“ in Bayreuth, konzertanter „Parsifal“ in historisch informierter Aufführungspraxis), desgleichen für Alte Musik.

In diesen Bereich liegt für den Chor wie das dazu gehörige Orchester die Haupttätigkeit. Der Namensrückgriff auf den vielseitigen Barockarchitekten Balthasar Neumann signalisiert gleichzeitig ein immer wieder gerne verwirklichtes Konzept: innovative Verbindung von akustischen und visuellen Künsten, wie in der Philharmonie vor Jahren schon einmal erlebt. Bei der h-Moll-Messe ging es freilich ausschließlich um musikalische Aspekte.

Sie ist das letzte Werk Bachs (nicht, wie lange angenommen, die fragmentarisch gebliebene „Kunst der Fuge“), immer noch von Rätseln umgeben. Seltsam ist alleine der Impuls, ein halb entworfenes geistliches Werk nach Jahren zu einer kompletten Messe auszubauen, einer „catholischen“ zumal. Bachs kompositorische Kreativität schien damals ja schon abgeschlossen, einen aktuellen Schreibauftrag gab es nicht. Somit muss sich eine Art inneres Drängen Luft verschafft haben. Der Legendenbildungen ist bis heute kein Ende.

Bachs Glaubensempfinden führte zu einer formal strengen Komposition, deren inspirative und konzeptionelle Überlegenheit jedoch in Bann zieht. Wo Olof Boman, sehr vital und kontaktfreudig dirigierend, die Hengelbrock-Konzeption übernahm, wo eigene Akzente setzte, kann allenfalls vermutet werden. In jedem Falle spürte man bei der Aufführung einen absolut organischen Musikfluss, natürlich drängende Impulse bei Dynamik und Agogik.

Der Chor: ein vokales Wunderinstrument, im Alt-Bereich übrigens mit drei Countertenören angereichert. Alle Sänger sind generell solistisch einsetzbar. Bei der Bach-Messe wurde das ausgereizt, dramaturgisch nicht unbedingt zwingend, aber interpretatorisch wirkungsvoll, auch wenn Qualitätsunterschiede hörbar wurden. Der bestechendste Beitrag kam kurz vor Schluss. Alex Potter ließ das „Agnus Dei“ mit seinem satten Countertenor förmlich fluten, in der durchaus heiklen Stimmlage gab es keinerlei unangenehmen Registerbrüche. Ihm galt die besondere Akklamation der Zuhörer. Aber gleichzeitig hat man in dem Köln-Debütanten Olof Boman  einen ebenso ernsthaften wie agilen Künstler kennen gelernt, dessen Weg schon längst einmal in das Haus hätten führen dürfen.

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