Baden-Badener Ariadne auf Naxos

Ariadne auf dem Kindergeburtstag

Jane Archibald und Renée Fleming Foto: Andrea
Kremper

Philippe Arlaud bietet in seiner Baden-Badener "Ariadne" einen Kessel Buntes, Christian Thielemann Wohllautfülle

(Baden-Baden, 18. Februar 2012) "Antinomie von Sein und Werden" nannte Hugo von Hofmannsthal das Grundthema seiner "Ariadne auf Naxos", seiner dritten Oper mit Richard Strauss. Es sind die Figuren Ariadne und Zerbinetta, die zwei gegensätzliche Daseinsformen personifizieren: Ariadne hält an ihrer Liebe fest bis zum Erstarren in Leblosigkeit, nachdem sie verlassen wurde. Zerbinetta flattert von einer Verliebtheit zur anderen.
Aber schließen sich diese Lebensprinzipien tatsächlich aus? Der französische Regisseur Philippe Arlaud geht dieser Frage in seiner Inszenierung zur Eröffnung der Winterfestspiele in Baden-Baden nicht nach. So vermittelt sich das Gegenüber von komischer und tragischer Oper, von Mythologie und Commedia dell’arte, Sein und Schein letztlich nur über den Librettotext. 

Über weite Strecken recht statisch wirkt zudem diese jüngste Regiearbeit Arlauds, für die er kaum mehr aufzubieten hat als clowneske Elemente. Asketisch weiß ist seine Bühne, die mit einer von breiten Säulen flankierten Treppe und einem Herrenensemble mit schwarzen Fräcken und Zylindern an  Revuetheater erinnert. Doch gibt es auch viel Buntes: Luftballons, Schuhe, Hüte, glitzernde Fummel in allen Farben – und manch alberne Späßchen. Im Laufe des Abends baumeln viele Requisiten am Bühnenhimmel, darunter auch die Insel Naxos, gestaltet aus grauem Pappmaché. Doch reichen solche Effekte nicht aus, um den Kern des Stücks auszudrücken: Treue, sagt Hofmannsthal, führt unweigerlich in den Tod, hält man am Verlorenen fest. Wer weiterleben will, muss über schmerzreiche Enttäuschungen hinwegkommen. Eine solch postulierte innere Verwandlung bleibt aber nur Behauptung, lässt der Regisseur vor allem Renée Fleming doch in den großen Szenen ihrer Titelparte allein.

Mit ihrem kultivierten Schöngesang vom tiefen As des "Totenreichs" zu strahlenden Höhen, ihren weiten melodischen Bögen und Ausdrucksreichtum aber macht die amerikanische Sopranistin die Ariadne zum musikalischen Kraftzentrum des Premierenabends. Richard Strauss‘ Partitur sieht eine kleine Besetzung vor, bietet erweiterte Kammermusik auf höchstem Niveau, und so interpretierte sie die Sächsische Staatskapelle unter Christian Thielemann: mit spielerischer Eleganz, präzisen Zuspitzungen und warmem Seelenton. – Nicht ohne in den dramatischen Szenen nach Kräften aufzudrehen und die süffigen Klangwogen ausgiebig zu genießen.

Vor allem aber ist "Ariadne auf Naxos" eine Sängeroper, und als solche ist sie in Baden-Baden auch trefflich besetzt: Im Vorspiel dominiert der Komponist, den Sophie Koch mit Verve und stimmlicher Intensität spielt. In der Oper dieses Spiels-im-Spiel meistert Jane Archibald höchst achtbar den Koloratur-Hochseilakt ihrer Zerbinetta, Robert Dean Smith verkörpert einen Bacchus mit lyrischem Feinsinn.

Unsinnig wirkt die von Hofmannsthal und Strauss nicht vorgesehene, in Baden-Baden aber anberaumte Pause nach dem Vorspiel. Unnötig reißt sie ein Stück aus einem Guss in zwei Teile. Schließlich ist die zweieinhalbstündige "Ariadne" schon das Resultat einer umfangreichen Bearbeitung seitens der Autoren. Ursprünglich hatten Strauss und Hofmannsthal ein Vorspiel zu Molières Komödie "Der Bürger als Edelmann" konzipiert. Die Kombination aus Schauspiel und Oper bewährte sich jedoch nicht, das Stück war mit fünf Stunden deutlich zu lang. Allein der Haushofmeister, der im Vorspiel das Chaos entfacht mit seiner Nachricht, Oper und Komödie sollten auf Anweisung seiner Herrschaft gleichzeitig aufgeführt werden, ist in der "Ariadne" als reine Sprechrolle übrig geblieben. – Ein dankbarer Part für den mittlerweile 75-jährigen René Kollo, der zwar gern noch eine Spur arroganter hätte auftreten dürfen, sich mit seiner superben Textverständlichkeit gleichwohl als trefflicher Schauspieler empfiehlt.
Lang wird der Premierenabend in Baden-Baden trotz genannter Defizite nicht. Alles in allem hinterlässt diese "Ariadne" einen vergleichbar ambivalenten Eindruck wie Christian Thielemanns "Frau ohne Schatten" in Salzburg und sein Bayreuther "Ring", inszeniert von Tankred Dorst: musikalisch grandios, szenisch unterbelichtet.

Kirsten Liese

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.