Bach-Passion

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CD-Rezension

Johann Sebastian Bach: Johannes Passion
Solisten, Chor und Orchester der Nederlands Bach Society
Leitung: Jos van Veldhoven
Channel Classics, Vertrieb harmonia mundi, 2CDs

Bachs Passionen gelten uns als die Musik zur Passionszeit schlechthin. Besonders hingebungsvoll kultivieren die Niederländer die Passionsaufführungen. Für das Concertgebouw-Orchester ist die jährliche Passionsaufführung ein ähnlich wichtiges Ritual wie das Neujahrskonzert für die Wiener Philharmoniker. Kein wichtiger niederländischer Musiker hat es bisher ausgelassen, einmal Bachs Passionen aufzuführen. In Sachen Bach ist natürlich immer wieder die Nederlands Bach-Society im Gespräch, die einst als Chor auf sich aufmerksam machte aber auch schon immer Komplett-Aufführungen abgeliefert hat. Vor längerer Zeit erschien deren Interpretation der Matthäuspassion auf CD, bereits unter der Leitung von Jos van Veldhoven (auf Channel Classics). Das ist eine im besten Sinn konventionelle Aufführung im Geist der historischen Aufführungspraxis, mit einem schlank timbrierten Chor, zu dem auch die Solisten gehören und einem auf alten Instrumenten spielenden Orchester.
Für die Johannespassion dagegen hat van Veldhoven einen ganz radikalen Weg eingeschlagen. Er besetzt solistisch. Kompromisslos im Orchester, wo jede Stimme von nur einem Instrument gespielt wird. Fast solistisch im Chor: die derart ständig beschäftigten Solisten werden in den Chorsätzen von sogenannten Ripienisten verstärkt.
Trotzdem bleibt ein sehr nüchterner, puristischer Gesamteindruck. Völlig das Gegenteil von Harnoncourts satter, sinnlich angreifender Einspielung mit dem Arnold Schönberg Chor. Veldhoven macht aus der Johannespassion Kammermusik total, ein höchst intimes Stück, das sich gleichsam von Mensch zu Mensch mitteilt. Auch aus den Chören sprechen Individuen, die sich jeder für sich von den Ereignissen der Passion betroffen zeigen. Da kann man kaum einmal im wohligen Klang baden, die Musik nur einmal laufen lassen: Immer scheint es ums Ganze zu gehen, um die Ungeheuerlichkeit der Begebenheiten, um die Unausweichlichkeit des Todes. Die Intensität dieser Interpretation irritiert den Zuhörer zunächst. Nicht, dass es solistische Fassungen nicht schon vorher gegeben hätte. Aber van Veldhoven findet einen Ton, der schon mehr der Härte der Sprache gleicht als dem Fluss von Musik und einen als vox humana anrührt. Hinter dieser radikalen Art des Musizierens kann sich keiner mehr verstecken, die Musiker nicht, aber auch nicht der Zuhörer. Gewiss keine Johannespassion für Einsteiger. Dafür eine für Kenner, die wissen wollen, was in letzter Konsequenz in diesem grandiosen Werk steckt.
L. Molnar

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