B. A. Zimmermanns Ekklesiastische Aktion in Köln

Todesahnungen

Das Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester unter Michael Wendeberg mit einem thematischen Konzert mit Werken von Bach, Mahler und der letzten Komposition von Bernd Alois Zimmermann

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 10.Mai 2018) Mit einer Neuinszenierung der „Soldaten“ erwies die Oper Köln vor kurzem dem Komponisten Bernd Alois Zimmermann besondere Ehre, welche sich u.a. durch einen immensen szenischen Aufwand ausdrückte. Im Premierenbericht vom 29. April wurden auch noch andere Aktivitäten bei Gelegenheit des 100. Komponisten-Geburtstages erwähnt, noch nicht freilich das im Folgenden besprochene Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter Michael Wendeberg, welches im Rahmen des Festivals „Acht Brücken“ erfolgte. En passant: eine unterschwellige Beziehung zu Köln könnte man bei diesem Klangkörper darin sehen, daß er viele Jahre von Marek Janowski geleitet wurde, welcher zuvor lange Zeit GMD des Gürzenich-Orchesters war.

Wirklich beziehungsreich war hingegen das Programm des Konzertes. Man könnte es mit dem Rezitativbeginn der Wolfram-Szene im 3. Akt von Wagners „Tannhäuser“ überschreiben: „Wie Todesahnung Dämm’rung deckt die Lande.“

Der herzkranke Gustav Mahler schrieb seine 10. Sinfonie durchaus mit Gedanken an seinen Tod, wobei ihn die Affäre seiner Frau Alma mit Walter Gropius zusätzlich belastete. „Leb wohl, mein Saitenspiel. Für dich leben, für dich sterben“ notierte er in den Skizzen zu seiner Komposition.

Der gewalttätige Aufschrei gegen eine verrohte Männerwelt in Zimmermanns „Soldaten“ ´findet eine Entsprechung in der „Ekklesiastischen Aktion“. Hier werden Texte des alttestamentarischen Buches Prediger Salomon mit Passagen aus Fjodor Dostojewskis „Brüder Karamasow“ kombiniert. In diesem Roman gibt es eine Szene, wo Jesus von einem Großinquisitor verhört wird. Dessen Vorwurf: der Gottessohn habe den Menschen eine Freiheit aufgebürdet, mit der sie nichts anzufangen wissen, sich mit ihr lediglich „selbst vernichten, gegenseitig ausrotten“. Solchen Lebenspessimismus teilte der auf Fotos oft so fröhlich dreinblickende Zimmermann offenkundig. Kurze Zeit nach Beendigung der „Ekklesiastischen Aktion“ nahm er sich das Leben. Das Werk scheint bereits auf diesen Freitod hindeuten zu wollen, heißt es doch bei Prediger Salomon „Da lobe ich die Toten, die schon gestorben waren“.

Die Anfangszeiten „Ich wandte mich um und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ gaben Zimmermanns Schwanengesang den eigentlichen Titel. Die Zerrissenheit des Komponisten spiegelt sich in der dramaturgischen Gestaltung wider. Die Texte werden nicht kontinuierlich vorgetragen, sondern auf einen Sänger und zwei Sprecher verteilt, die sich mitunter sogar ins Wort fallen. Thomas Möwes (eingesprungen für Franz Mazura) prononcierte als ausgebildeter Sänger insgesamt verständlicher als sein Schauspielerkollege Jakob Diehl. Ein Nachlesen des auf Anhieb kaum aufzunehmenden Textes empfiehlt sich freilich in jedem Fall. Der Bariton-Solist hat gegen Ende einen beklemmenden Verzweiflungs-Monolog zu absolvieren, der durch die bis ins Hysterisch reichende Interpretation Georg Nigls dem Zuhörer fast das Herz stocken ließ.

Obwohl Zimmermann bei seiner „Ekklesiastischen Aktion“ auch viele kammermusikalische Passagen bereit hält, stärker als in den „Soldaten“, gibt sich die Musik doch immer wieder brodelnd und eruptiv. Dirigent Michael Wendeberg ließ dem durchaus freien Lauf, behielt jedoch eine dynamische Kontrolle über das musikalische Geschehen. Das RSB Berlin folgte seinen Weisungen akribisch und hingebungsvoll. Auch bei der Mahler-Sinfonie achtete Wendeberg (auswendig dirigierend) auf genügend Transparenz und Schlankheit des Klanges, ohne den Schmerzgehalt der Musik zu dämpfen.

Begonnen hatte der Abend mit Johann Sebastian Bachs Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“. Dem von verschiedenen Autoren stammenden Text (das Meiste von Bach-Schüler Christoph Birkmann) wohnt ein starkes Jenseits-Vertrauen inne, weit weg von einer Anklage, wie sie Dostojewskis Großinquisitor erhebt. Der den Menschen aufgebürdete Kreuzstab kommt „von Gottes lieber Hand“. Und was das Sterben angeht: „O gescheh‘ es heute noch.“ Ein hoffnungsfroher Choral beschließt friedvoll und tröstend die Kantate. Für diese einzige Chornummer standen Mitglieder des Kölner Bach-Vereins zur Verfügung.

So engagiert Michael Wendeberg sich auch diesem Werk zuwandte, spürte man doch, dass das Orchester bei Barockmusik nicht wirklich zu Hause ist. Auch wenn die historisch informierte Aufführungspraxis mitunter etwas überschätzt sein dürfte, ist ihr Stil doch rechtens prägend. Da galt es bei den Berliner Musikern leichte Defizite hinzunehmen. Und Georg Nigl fand kaum je zu einem angemessenen Bach-Ton.

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