Ausstellung Schönberg Center

Selfies von Schönberg

Arnold Schönberg, Erwin Stein und Anton Webern am Strand von Zandvoort im März 1914 – fotografiert von Alban Berg Foto: Schönberg Center

Das Arnold Schönberg Center Wien präsentiert erstmals in einer Ausstellung Fotos aus dem Nachlass Schönbergs – und bietet vielfältige Einblicke in das wechselvolle Leben des Komponisten
Von Robert Jungwirth
(Wien, im November 2016) Ist das etwa Arnold Schönbergs Herrentäschchen, das da an der Stuhllehne hängt? Oder doch eher die Handtasche seiner Frau Mathilde, die dieses Foto vermutlich geschossen hat? Auffallend an dem Bild ist auch der kleine Fußschemel, auf den der Komponist den linken Fuß abgestellt hat, während der rechte locker darübergelegt ist. Der feine Dreiteiler mit weißem Hemd und Krawatte und der ernste Blick des Komponisten stehen in seltsamem Kontrast zur lockeren Haltung und der eher unspektakulären Umgebung in einem schmucklosen Garten vor einem hohen Bretterzaun. So wirkt das Foto privat und offiziell zugleich, spontan und doch inszeniert. Keine Frage, Arnold Schönberg liebte die Selbstinszenierung, auf seinen gemalten Selbstporträts ebenso wie auf Fotos, seien Sie von professionellen Fotografen gemacht oder von Freunden und Verwandten.
200 Fotos aus einem Bestand von über 3000 haben die beiden Ausstellungsmacher Therese Muxeneder und Eike Feß des Schönberg Centers, das den gesamten Nachlass des Komponisten verwaltet, ausgewählt und mit Dokumenten und Briefen in chronologischer Reihenfolge zu einem Lebensabriss in Bildern zusammengestellt und optisch sehr ansprechend aufbereitet. Dabei zeigt sich, dass Schönberg die Fotografie gezielt dazu verwendete, um sich ein Künstlerbild nach seinen Vorstellungen zu inszenieren. Dazu suchte er mehrfach Ateliers bekannter Fotographen auf, wie das Atelier Schlosser und Wenisch in Prag oder jenes von Man Ray 1927 in Paris. Dort entstand eines der eindrucksvollsten Bilder von Schönberg überhaupt. Mit seinen großen braunen Augen nimmt er den Betrachter direkt in den Blick, den Mund leicht geöffnet, als würde er gerade sprechen. Ein sprechender Ausdruck fürwahr. Der durchdringende Blick Schönbergs sei gewissermaßen ein Leitmotiv in den Fotografien Arnold Schönbergs, so Therese Muxeneder. (Ein anderes Leitmotiv ist die brennende Zigarette.) Auch auf Schönbergs Gemälden und Selbstbildnissen spielen die Augen und die Blicke eine ganz besondere Rolle. Wie ausdrucksstark Schönbergs Augen waren, ist auch seinen Freunden nicht entgangen. So schrieb der Maler Oskar Kokoschka 1946 an ihn: „Wenn Sie einmal einen Gedanken an mich verschwenden, so bitte schicken Sie mir ein Schnellfoto von Ihnen, damit ich sehen kann, wie Ihre Augen funkeln und hinter Ihrer Stirne es arbeitet.“
Neben den inszenierten Bildern zeigt die Wiener Ausstellung, die auch auf Leihgaben der Kinder Schönbergs, Nuria, Ronald und Lawrence zurückgreifen kann, auf der anderen Seite jede Menge Schnappschüsse und Gelegenheitsaufnahmen des begeisterten Amateurfotografen Schönberg. Mit seiner Frau ging der Komponist in den 20er Jahren in Berlin sogar in einen der ersten Fotoautomaten und schnitt Grimassen oder er schoss Selfies mit Spiegeln. Zum Ernst der offiziellen Künstlerbilder kommt hier also auch der Humor Schönbergs in zwanglos entstandenen privaten Bildern.
Musik gibt es in der Ausstellung nicht zu hören, dafür kann man in einem anderen Raum des unbedingt sehenswerten Wiener Schönberg Centers ausgewählte Werke Schönbergs in einem repräsentativen stilistischen Querschnitt anhören…oder sich den rekonstruierten Arbeitsraum des Komponisten während seiner letzten Jahre in Los Angeles ansehen.
Die Ausstellung „Arnold Schönberg im Fokus“ ist bis zum 19. März 2017 im Wiener Arnold Schönberg Center zu sehen – in der Nähe des Schwarzenbergplatzes. Parallel zur Ausstellung ist eine sehr aufwendig gestaltete Buchpublikation „Arnold Schönberg im Fokus. Fotografien 1880-1950“ erschienen, die viele Bilder aus dem Nachlass in aufbereiteter Form bietet.



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